GK., München

Die Verhandlung hatte schon einmal verschoben werden müssen, weil im Justizpalast kein genügend großer Raum zur Verfügung stand. Nur der Münchener Schwurgerichtssaal schien für diesen Prozeß geeignet. Auf der Anklagebank saßen elf Männer, vorwiegend Endzwanziger, in elegant geschneiderten Anzügen. Sie hatten sich zu einer recht eigenartigen "Innung" zusammengeschlossen: Ziel und Zweck des Bundes waren Einbrüche, Diebstähle und gemeinsame Amüsements. Das Arbeitsgebiet war zunächst München, später ganz Westdeutschland und die Schweiz. Die Beute der Innung hätte ein Warenhaus füllen können, und der Staatsanwalt meinte: "Das Ausmaß der Diebesfahrten erinnert an die Tätigkeit mittelalterlicher Banden, die ein Gebiet nach dem anderen abgrasten."

Einige der Bandenmitglieder kannten sich von früheren Straftaten her, von Schwarzhandelsgeschäften und Gelegenheitsarbeiten. 1952 schlossen sich die Burschen enger zusammen, gründeten die "Innung" und hatten es zunächst nur darauf abgesehen, Mädchen auf der Straße anzusprechen und sie zu Gelagen in ihren "Turm", ihr Zimmer, einzuladen. Sie nannten das "Auftreiben", Finanziert wurde anfangs alles von einem "Innungsmitglied", das über 20 000 Mark geerbt hatte. Als die Kavaliere den letzten Pfennig verbraucht hatten, beschlossen sie, von Diebstählen zu leben. Kurt Halbig ließ sich von einem Zigeuner in der Methode der Trickdiebstähle ausbilden und beherrschte diese bald so vortrefflich, daß er zum Innungschef avancierte. Gewöhnlich betraten sie zu dritt ein Geschäft; einer mußte das Verkaufspersonal ablenken, während die anderen alles Erreichbare unter ihre weiten Trenchcoats schoben: Spirituosen, Rauchwaren, Textilien, Lederwaren, Radiogeräte. Aber man stahl auch Waschmaschinen und ganze Campingausrüstungen. Chef Halbig arbeitete dabei so geschickt, daß selbst seine "Kollegen" aus dem Staunen nicht herauskamen. Vor Gericht allerdings wehrte er bescheiden ab: "Mir haben vor Angst immer die Knie gezittert."

Man lebte vom Stehlen, und man lebte nicht schlecht. Und so stiegen auch die Ansprüche. Als schließlich Egon Schneider am Vorabend des Weihnachtsfestes 1956 in St. Gallen bei einem Einbruch in einen Juwelierladen von der Polizei geschnappt wurde, platzte die ganze Herrlichkeit auf. Dazu der Bandenchef: "Ich hab’ dem Schneider ja gleich von dem Einbruch abgeraten. Aber der Egon hat gesagt: Wenn ich Brillanten sehe, wird mir ganz schlecht."

Während der Verhandlung geben sich die Angeklagten betont artig. Der Bandenchef steht für alle seine Taten ein. Zu jedem Einbruch oder Diebstahl, den man ihm zur Last legt, erklärt er sachlich: "Ja, Herr Vorsitzender, das stimmt genau." Oder: "Herr Vorsitzender, in der Anklageschrift ist da eine grobe Unklarheit. Wir hatten nicht pro Kopf eine Tageseinnahme von 150 Mark, sondern das trifft nur auf einen ganz bestimmten Tag zu." Ordnung muß sein.

Auch wenn sich Mitglieder der "Innung" gegenseitig zu belasten versuchen, greift der Chef ein: "Wenn wir etwas unternahmen, herrschte jedesmal größte Eintracht. Ich sage das nur deshalb, weil ich in der Öffentlichkeit als eine Art Räuberhauptmann hingestellt werde. In Wahrheit sagte halt irgendeiner von uns: Jetzt müssen wir wieder ein paar Mark verdienen, und dann gingen wir los’."

Die Große Strafkammer des Landgerichts München I verurteilt vier der Angeklagten zu einer Zuchthausstrafe zwischen sechs und drei Jahren, die übrigen zu Gefängnisstrafen zwischen 26 und 5 Monaten. Nicht nur das Publikum, auch die meisten Angeklagten zeigten recht befriedigte Mienen. Sie stimmten ihre Schlußworte ganz auf Reu’ und Leid ab. "Innungsobermeister" Halbig bedankte sich beim Gericht für die faire Behandlung und meinte: "Es tut mir aufrichtig leid, und ich möchte mit diesem Leben ein Ende machen."