Wenn die Außenzölle des Gemeinsamen Marktes höher sind, als es vordem die Zölle mehrerer der Mitgliedsstaaten gewesen waren, so steht eben dem Gemeinsamen Markt nach innen der weniger Gemeinsame Markt nach außen gegenüber.

Nun steht in dieser Hinsicht das Projekt des Gemeinsamen Marktes sehr viel ungünstiger da als das der Freihandelszone, weil ja der Gemeinsame Markt einen gemeinsamen Außentarif und eine gemeinsame Handelspolitik der sich zusammenschließenden Länder voraussetzt. Leider spricht in allen solchen Fällen des Zusammenschlusses von einzelnen Ländern zu einer Zollunion mit gemeinsamem Zolltarif eine erhebliche Wahrscheinlichkeit dafür, daß dieser gemeinsame Zolltarif sich nicht an dem jeweils niedrigsten Tarif dieser Länder orientiert, sondern an dem jeweils höchsten Tarif dieser Länder. Wenn nun noch hinzukommt, daß sich unter diesen Ländern, die sich zusammenschließen, eines befindet mit besonderem politischem, wirtschaftlichem und demographischem Gewicht und gleichzeitigem traditionellem Hochprotektionismus, nämlich Frankreich, dann ist leider diese Wahrscheinlichkeit um so größer. Man muß leider hinzufügen, daß die Rolle Frankreichs, wenn auch in geringerem Maße, auch von Italien gespielt wird.

Die Folge: Die Niederlande, Belgien, Deutschland müßten nunmehr eine erhebliche Erhöhung der bisherigen Schutzzollmauern gegenüber der übrigen Welt, teilweise sogar in Form von Zöllen auf bisher zollfreie Rohstoffe, in Kauf nehmen.

Nun ein dritter und recht schwieriger Punkt: Wenn die sich zusammenschließenden Länder nicht die Zölle gegenüber dritten Ländern erhöhen, was vor allem im Falle der Freihandelszone gelten würde oder doch zu hoffen wäre, selbst dann besteht die Möglichkeit, daß eine solche regionale Handelsbefreiung mit einer Störung statt mit einer Befreiung des internationalen Handels verknüpft ist. Um das zu erkennen, muß man sich vergegenwärtigen, daß ein solcher Zusammenschluß – sei es in der Form der Zollunion oder in Form eines Präferenzsystems wie der Freihandelszone – ein Doppelgesicht hat: Befreiung nach innen, aber fortbestehender Abschluß nach außen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, daß die Freihandelszone zustande kommt, so würde das u. a. sicherlich zur Folge haben, daß zwischen der Schweiz und Frankreich und Deutschland in bestimmten Industrien eine Umorientierung stattfindet. Gewisse Dinge werden jetzt weniger in der Schweiz hergestellt werden; man wird weniger Radios bauen können in der Schweiz: man wird das Deutschland überlassen. Deutschland wird weniger Präzisionsuhren produzieren und sie der Schweiz überlassen müssen, während die Schweiz dafür Deutschland den Bau von großen Uhren oder Weckern überlassen müßte. Das sind jene Verschiebungen, die man als die Rationalität, die vernünftige Arbeitsteilung und damit die Produktivität Europas steigernde Verschiebungen – befreiende, liberalisierende Verschiebungen – bezeichnen kann.

Aber es gibt andere Fälle, und ich nehme das Beispiel der schweizerischen Seidenindustrie. Sie findet es heute vorteilhafter, die Rohseide aus Japan zu beziehen, nicht aber aus Italien, weil die italienische teurer ist. Wenn nunmehr eine Freihandelszone zustande kommen würde, so würde das möglicherweise bedeuten, daß die japanische Rohseide in Europa nicht mehr konkurrenzfähig ist und durch die italienische Rohseide verdrängt würde, obwohl es selbstverständlich vernünftiger wäre, hier den Richtlinien der weltweiten internationalen Arbeitsteilung zu folgen und die Erzeugung dieses Rohstoffes dem Lande zu überlassen, in dem die Bedingungen offenbar die günstigsten sind. In diesem Falle würde – selbst im Falle der Freihandelszone – der Zusammenschluß eine Diskriminierung, und zwar eine die vernünftige Arbeitsteilung störende Diskriminierung und Abschließung nach außen bedeuten.

Diese Gefahr ist um so größer, je mehr die sich zusammenschließenden Länder supplementär sind. Es besteht die volkstümliche Vorstellung, daß eine Zollunion eigentlich um so vernünftiger und besser sei, je mehr sich die Volkswirtschaften, die sich zusammenschließen, ergänzen. Das ist grundfalsch. Es ist umgekehrt so, daß eine Zollunion dann den erstrebenswerten Effekt der Umrangierung der Produktionsstandorte hat, je ähnlicher die Volkswirtschaften in ihrer Produktionsstruktur sind. Wenn in Europa erreicht wird, daß die Automobile dort erzeugt werden, wo sie am besten und billigsten erzeugt werden, obwohl alle oder die meisten der größeren europäischen Länder Automobile erzeugen, so ist das eben unter diesem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Rationalität jenes Plus, das wir im Auge haben, wenn wir die wirtschaftlichen Vorteile dieses Zusammenschlusses preisen.