Mir scheint das ein ganz besonders gefährlicher Punkt: Gefährlich deshalb, weil einerseits der günstige Effekt des Zusammenschlusses in der Tat von einem möglichst vollständigen und raschen Abbau abhängt, andererseits aber ein möglichst vollständiger und rascher Abbau selbstverständlich sehr einschneidende Wirkungen hat und sehr schmerzhaft ist. Der Zusammenschluß setzt voraus, daß er wirklich "weh tut". Aber gerade deshalb ist leider zu erwarten, daß alles unternommen werden wird, um möglichst viele Ausnahmen, Übergangsbestimmungen und Durchlöcherungen aller Art zuzulassen ... Ich habe neulich in einem Privatgespräch mit einem der Hauptarchitekten des Gemeinsamen Marktes in Europa gesagt, daß ich mich dann zum Gemeinsamen Markt endgültig bekehren würde, wenn sich die italienische Automobilindustrie der Zumutung, sich frei mit der deutschen oder französischen Autoindustrie zu messen, ohne Hintertüren unterwirft. Ich glaube, man kann beruhigt Wetten abschließen gegen ein solches Ereignis; denn es ist leider zu vermuten, daß ein großer Teil der italienischen wie der französischen Industrie darauf rechnet – und nur deshalb hat sie überraschend wenig Widerstand geleistet –, dieses komplizierte und mehr oder weniger dirigistische Ausnahmesystem des Vertrags zu verwenden, um die gefürchtete deutsche Konkurrenz zu bändigen und zu kanalisieren. Das hat einer der führenden italienischen Journalisten, Guerriero, sehr offen ausgesprochen.

Und damit komme ich zu der Gefahr des Dirigismus, der Gefahr der Ökonomokratie in diesem Gemeinsamen Markt. Die allergrößte Gefahr scheint mir hier die Versuchung für die Organe des Gemeinsamen Marktes zu sein, sich auf ein besonders bedenkliches Stück internationaler Planwirtschaft einzulassen: nämlich auf die Lenkung der Investitionen. Die Folge einer solchen Entwicklung würde sein, daß, je mehr diese gemeinsamen Organe Verantwortung übernehmen bei einer Investitionslenkung, sie um so eher geneigt sein werden, dafür zu sorgen, daß die Investitionen, die dank dieser Lenkung zustande kommen, nicht etwa gestört werden durch die Konkurrenz aus dritten Ländern. Das heißt, je mehr Dirigismus in den Gemeinsamen Markt eingebaut wird, um so größer ist die Gefahr der kontinentalen oder "spaakistanischen" Autarkie.

Deshalb sollte man sich mit aller Gewalt gegen diese Entwicklung wehren, solange es noch Zeit ist, und ich von dem Gedanken befreien, als ob europäische Wirtschaftsintegration internationale Behörden, internationale Ökonomokratie und internationale Planwirtschaft voraussetzen würde.

Eine weitere Gefahr: in den Verhandlungen ist von französischer Seite mit einer unerhörten Zähigkeit verlangt worden, daß vor der Schaffung des Gemeinsamen Marktes eine Harmonisierung der Arbeitskosten, insbesondere der sozialen Lasten, durchzuführen sei.

Was praktisch heißen sollte: daß die anderen Länder zuvor ihre "Arbeitskosten", ausgedrückt in Löhnen und Soziallasten, auf die Höhe der französischen zu bringen hätten – mit Einschluß des ausgedehnten Familienausgleichssystems, des Systems der bezahlten Ferien, der Pensionierung und dergleichen. Es sollte sich eigentlich erübrigen, darauf hinzuweisen, daß diese Forderung, wonach "vorher" die Arbeitskosten angeglichen werden müßten, mit den elementarsten Lehren der politischen Ökonomie unvereinbar ist.

Sie steht auf gleicher Stufe mit dem Verlangen amerikanischer Protektionisten, vor der Einfuhr aus Ländern mit niedrigeren Löhnen durch einen Zoll geschützt zu werden, der die Differenz der Arbeitskosten ausgleicht – was den internationalen Handel natürlich sinnlos machen würde. Kein ernst zu nehmender Nationalökonom hat je behaupten können, daß der freie Handel gleiche Arbeitskosten oder gleiche Kapitalkosten voraussetzt, was ja nicht einmal innerhalb der Volkswirtschaften der Fall zu sein pflegt. Es ist umgekehrt der freie Handel – darüber sind sich alle Nationalökonomen einig –, der darauf hinwirkt, eine vorher bestehende Ungleichheit der Arbeits- und Kapitalkosten zu vermindern.

Ich will hoffen, daß man den französischen Wortführern Unrecht tut, wenn man annimmt, daß sie sich hierüber nicht im klaren gewesen sind. In der Tat liegt das Problem ein wenig anders. Die französischen Arbeitskosten – immer berechnet über den unwirklichen Frankenkurs – sind durch politisch-soziale Kräfte, durch ein besonders hohes Maß an Sozialdemagogie, so weit über das (durch Produktivitätssteigerung) gerechtfertigte Maß hinausgetrieben worden, daß sie zur Hauptquelle der Inflation wurden.