Von Martin Beheim-Schwarzbach

Mehrere der Bücher des griechischen Dichters Niko Kazantzakis bilden eine großartige Einheit. Ich denke dabei namentlich an drei: Seinen Jesusroman "Die letzte Versuchung", der wohl als sein Hauptwerk gelten darf, an das patriotische Epos "Freiheit oder Tod" sowie an die "Griechische Passion". Das Leidenszeithafte, das Martyrium, sei es eines Menschen oder eines Volkes, ist das Urthema dieses leidenschaftlichen Feuerkopfes. Ihm wohnt eine Gestaltungskraft, eine Macht des Schilderns und Erzählens inne, die ihn den bedeutendsten Romanciers der Gegenwart, und nicht nur der Gegenwart, zugesellt.

Als Erzähler ist Kazantzakis das Seitenstück und der Nachfolger Hamsuns, sein südlicher ebenbürtiger, ja vielleicht überlegener Bruder. Daß der gewaltige Erfolg und Ruhm des Norwegers sich im Falle des Griechen nicht ohne weiteres wiederholen will, ist eins der Rätsel, die das Schrifttum und der Literaturbetrieb unserer Tage dem Forscher aufgeben.

Die epische Technik des Griechen ist derjenigen Hamsuns sehr ähnlich, was besonders reizvoll zu studieren ist in dem Roman

Niko Kazantzakis: "Griechische Passion" F. A. Herbig Verlag, Berlin. 459 S., 7,80 DM.

Obwohl dieses Buch schon seit Jahren in Deutschland verbreitet und vielfach besprochen worden ist, hat es noch nicht entfernt den Ruhm geerntet, den es verdient.

Kazantzakis hat nicht nur eine hohe Beamtenlaufbahn hinter sich, sondern gilt auch als ein Gelehrter und komme de Lettres von hoher internationaler Bildung. Er hat die Odyssee aus dem Alt- ins Neugriechische, sowie Goethes Faust und Dantes Göttliche Komödie, auch Werke von Nietzsche, in seine Muttersprache übersetzt. Daß er bei alledem und vor allem ein wirklicher Dichter und Epiker von urtümlich kräftiger, naiver, ungebrochener Fabulier- und Gestaltungsmacht ist, berstend von Fülle und Feuer, ein Christ von brennender Inbrunst und Frömmigkeit – ist uns in unserer zerrissenen Zeit ein Wunder.