Die Fabel von Nordwind und Sonne

Widersprüche, Unklarheit, Verwirrung – diese Vokabeln und der in ihnen steckende Vorwurf gehören fast schon zum eisernen Bestand der Berichterstattung aus Washington.

Die letzte Verantwortung für das, was in Washington entschieden wird, trägt ein frühzeitig gealterter Mann, der in den Abendstunden eines Lebens voller Ruhm und Glanz den einen großen Wunsch hat: Der Welt den Frieden zu schenken – einen Frieden in Freiheit.... Wie aber kann man den Frieden gewinnen, ohne die Freiheit, oder die Freiheit, ohne den Frieden zu gefährden?

Die Natur hat Dwigth Eisenhower beneidenswerte Gaben in die Wiege gelegt. Die Gabe, komplizierte Dinge einfach zu sehen und die Gabe, zu versöhnen und zu vermitteln.Diese zweite Gabe hat ihn einmal zum idealen Oberbefehlshaber einer Allianz eigenwilliger sinniger Generälegemacht; die erste, die des Vereinfachens, half ihm bei der Erfüllung einer der wichtigsten demokratischen Staatspflichten: populär zu sein.

Aber daß Dinge sich einfach sehen, denken und sagen lassen, bedeutet leider nicht immer, daß sie auch einfach sind. Das Problem "Frieden in Freiheit" ist aber schon deshalb nicht einfach, weil es noch nicht einmal theoretisch gelöst ist, und wer, wie Präsident Eisenhower, ehrlich und kompromißlos beides will, dem kann es schon passieren, daß seine Worte "widerspruchsvoll, verworren und unklar" klingen. Den "Widerspruch" als Ausdruck unbewältigter Schwierigkeiten müssen wir hinnehmen. Und den Politiker, – der ehrlich genug ist, ihn zuzugeben, sollten wir nicht tadeln, sondern loben.

Entgegenkommen oder nicht?

Und als ob das Problem Frieden in Freiheit nicht an und für sich schon kompliziert genug wäre, sorgen des Präsidenten Ratgeber und Bundesgenossen – sicher in ehrlichem Bemühen um die beste Lösung – für weitere Komplikationen. Eisenhower hält viel von seinem ersten außenpolitischen Ratgeber, John Foster Dulles; aber das hindert ihn nicht, beispielsweise in Fragen der Abrüstung gelegentlich anderer Ansicht zu sein als dieser. Überall im Westen – und nicht nur in den Vereinigten Staaten – gehen heute die Ansichten darüber auseinander, ob es ratsam sei, den Sowjets jetzt schon in der Abrüstungsfrage entgegenzukommen oder nicht. Ein so kenntnisreicher und erfahrener Mann wie der frühere Staatssekretär im britischen Außenamt, Anthony Nutting, schreibt beispielsweise in einer Artikelserie über die Abrüstung im New York Herald Tribune: "Es tut mir leid, aber alles deutet darauf hin, daß die Sowjets zur Zeit noch nicht bereit sind, irgend etwas anzunehmen, das wir als angemessen und sicher betrachten würden." Das bedeutet in praktischer Auslegung: Der Westen muß (oder sollte) mehr verlangen, als die Sowjets bereit sind zuzugestehen. Vielleicht werden sie, wenn wir nicht abrüsten, mit der Zeit zugänglicher.