A. M., Paris, im Juli

Vor drei Jahren wußte man, daß die EVG erledigt war, als sich die drei führenden französischen Soldaten gegen sie ausgesprochen hatten: der General de Gaulle der Marschall Juin und der alte General Weygand. Heute hat sich das gleiche Dreigestirn, das sich sonst in anderen Dingen gar nicht einig ist, auch gegen den Euratom-Vertrag zusammengefunden. Wir wollen damit noch nicht sagen, daß auch die heutigen Europaverträge damit erledigt seien. Aber der Vorgang zeigt doch, daß eine Ratifikation nicht so schmerzlos vor sich gehen wird, wie man vor dem Sturz Mollets noch annehmen konnte.

Auffällig ist dabei, daß Marschall Juin – der erste Soldat seines Landes – nur den Euratom-Vertrag als "ungerechtfertigten Verzicht auf die nationale Souveränität Frankreichs" angreift, bei dem sein Land die Zeche zu bezahlen habe. Darf man daraus ableiten, daß nach Juin beim Vertrag über den Gemeinsamen Markt andere Leute die Zeche zu bezahlen haben?

Im Übrigen darf ein wichtiger Unterschied zwischen EVG und Euratom nicht übersehen werden. Bei der EVG waren die Fachleute nämlich die erwähnten hohen Offiziere – dagegen. Das ist bei der Euratom nicht der Fall. Hier nämlich sind die hochqualifizierten französischen Nuklearforscher die Fachleute und nicht etwa die drei besternten Herren. Und mag auch bei manchem dieser Wissenschaftler der nationale Selbsterhaltungstrieb nicht weniger stark sein als bei den Generälen – bei ihnen zählt vor allem etwas anderes. Sie müssen täglich die Erfahrung machen, daß sie von ihrer Regierung nicht diejenigen Kredite erhalten, die nötig wären, um Frankreich mit den großen Atomländern Schritt halten zu lassen. Wenn die Schnapsbrenner und übrigen Parasiten der Wirtschaft alle ihre Subventionen erhalten haben, bleibt für die Atomwissenschaft nicht mehr viel übrig. So haben sich denn recht viele dieser Forscher aus Verzweiflung zur Euratom bekehrt: Sie sehen darin das einzige Mittel, um auf dem Umweg über die Supranationalität die für ihre Forschungen nötigen Summen zu erhalten...