Europäisches Gespräch des DGB über das verlängerte Wochenende

Von Johannes Jacobi

Es ist in der ZEIT wiederholt von der Freizeit als einem Kulturproblem die Rede gewesen. In der vorigen Nummer deutete ein Arzt, Professor Dr. Arthur Jores, die "tödliche Langeweile" als Mangel an sinnvoller Tätigkeit. Tatsächlich lauert hinter der fragwürdigen Art, wie wir heute Urlaub und Wochenende verbringen, ein Gesellschaftsproblem von breitester Tragweite, das sich in voller Schärfe freilich erst in den nächsten Jahrzehnten stellen wird. Marion Gräfin Dönhoff fragte in der ZEIT vom 4. Oktober 1956 von einem politischen Blickpunkt aus: "Mehr Zeit – wozu?" Die allmähliche Verkürzung der industriellen Arbeitszeit von 48 auf 40 Wochenstunden, die Freistellung von zwei vollen Tagen also, bewog Carlo Schmid, auf dem Parteitag der SPD 1956 skeptisch zu erklären: "Nur, wenn der Mensch auch ohne den Zwang der Arbeitsdisziplin etwas mit sich anzufangen vermag, wird die lange Freizeit ein Segen sein. Sonst wird sie ein Fluch, und dieser Fluch wird Langeweile heißen."

Die ZEIT knüpfte damals an dieses Zitat die Forderung: "Darum sollten die Gewerkschaften es nicht nur als ihre Aufgabe betrachten, dem arbeitenden Menschen bessere materielle Lebensbedingungen zu erkämpfen, sondern ihm auch die nötige Einsicht vermitteln, damit diese umwälzende Neuerung eine sinnvollere Lebensführung ermöglicht."

Rufe wie dieser sind nicht ungehört verhallt. Das Europäische Gespräch 1957 als sechstes seiner Reihe, vom Deutschen Gewerkschaftsbund im Rahmen der Ruhrfestspiele zu Recklinghausen veranstaltet, war eine auf breiter Basis und offen geführte, mit wissenschaftlichem Rüstzeug unterbaute Untersuchung des Themas "Die freie Zeit – Probleme in der Industriegesellschaft’. Drei Tage lang diskutierten dreißig offizielle Gesprächsteilnehmer aus sieben Ländern: Soziologen und Theologen, Gewerkschaftler, beamtete Männer des Bildungswesens, Manager und Kritiker der "Kulturindustrie" über ein Referat von Walter Dirks. Es ist zwar unmöglich, knapp auch nur über die Gesichtspunkte zu referieren, die in der Diskussion auftauchten. Einiges jedoch muß allgemein bekannt werden.

Sog der Betäubung

Das neue Freizeitproblem ist im Gegensatz zum Achtstundentag kein "Arbeiterproblem" allein. Vor fünfzig Jahren begann man, für den vierten Stand, für den Industriearbeiter, nachzuholen, was die älteren Klassen längst besaßen: den Feierabend. Für Bauern und Handwerker, auch noch für Händler, für Bürger aller Art und erst recht für die Mitglieder der feudalen Gesellschaft bestand zwischen Erwerbstätigkeit und Muße kein einander ausschließender Gegensatz. Sie durchdrangen sich. Inzwischen sind auch viele Angehörige jener Schichten Glieder einer das Volksganze überformenden Industriegesellschaft geworden. Damit wurden die Fragen der Arbeitszeit und Bildung aus einer Angelegenheit der "Arbeiterschaft" zu einem allgemeinen Gesellschaftsproblem. Es zeichnet sich am Horizont erst ab. Wie man ihm praktisch zu begegnen habe, darüber herrscht Unkenntnis. Dies immer wieder eingestanden zu haben, gab den tastenden Bemühungen in Recklinghausen einen sympathischen Zug von Redlichkeit.