J. H., Anfang Juli

Die Mittel, mit denen die französischen Finanzminister seit Jahren versuchen, den Kurs des Franc künstlich zu stützen sind erschöpft. Der Stabilisationsfonds der Banque de France, der jeweils auf dem "freien" Pariser Goldmarkt Goldstücke und Barrengold anbieten ließ, wenn die Nachfrage zu groß wurde und die Preise in die Höhe gingen, und der auf ähnliche Weise die Kursbewegungen der französischen Währung in Genf und Frankfurt beeinflußte, hat keine Reserven mehr. Als Professor Erhard Ende März erklärte, der Kurs des Franc sei überbewertet, künstlich und unrealistisch, protestierte Paris zwar ganz leicht, aber in Wirklichkeit sagte Erhard den Franzosen nichts Neues.

In der französischen Wirtschaft weiß man seit langem, daß der Wert des Franc künstlich gehalten wird. Die Schwierigkeiten der Zahlungsbilanz, der Druck der französischen Handelspartner und die konstante Diskrepanz zwischen französischen und ausländischen Preisen haben nun die Frage der Abwertung neuerlich in den Vordergrund geschoben. Jene, die für eine klare und offene Wertangleichung des Franc eintreten, weisen auf das deutsche "Wirtschaftswunder" hin, das erst durch die Wertangleichung der Mark möglich wurde, sie verweisen aber auch auf den französischen Außenhandel, der durch eine derartige Maßnahme eine bedeutende Förderung erfahren würde. Doch die offizielle These, die auch die letzte Regierung noch vertrat, läßt sich in zwei Punkten zusammenfassen: 1. eine Franc-Abwertung würde für alle Festbesoldeten und Rentner den Ruin bedeuten; 2. sie könnte unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur eine vorübergehende, aber keine dauerhafte Wirkung haben, weil sie durch die Preishausse in wenigen Monaten automatisch absorbiert werden würde.

Um der offiziellen Abwertung auszuweichen, hatte sich Paris ja zur Subventionierung des Außenhandels und zu der zusätzlichen Besteuerung der Importe entschlossen, die den Franc-Kurs nach dem Ausland hin regulierten, ohne im Inland die schädigende Wirkung einer Abwertung hervorzurufen. Es ist selbstverständlich, daß diese Art Kursregelung keine definitive Einrichtung werden kann. Die offene Abwertung wäre im Grunde genommen schon lange fällig gewesen, wenn sich nicht verschiedene Hoffnungen der französischen Experten im Wirtschaftsministerium erfüllt hätten: Sie erwarteten nämlich, daß sich die Preishausse im Ausland stärker entwickeln würde als in Frankreich selbst und behielten damit recht. Aber die Preisdifferenz zwischen französischen und ausländischen Preisen liegt immer noch bei 15 bis 20 v. H.

Um einer Abwertung in Frankreich eine dauerhafte Wirkung zu geben, müßte sie von einer Reihe restriktiver Maßnahmen begleitet sein, die normalerweise eine Stagnation der Wirtschaft zur Folge hätten. Man müßte den Inlandbedarf einschränken, das Defizit im Staatshaushalt ausschalten, in den verstaatlichten Betrieben nach dem Rechten sehen und die Mißwirtschaft einstellen, alle unproduktiven Ausgaben vermeiden und die Kreditgewährung genauer überwachen.

Nur dann könnten jene Folgeerscheinungen vermieden werden, die es bisher immer noch nach einer Abwertung gab: daß nämlich die Preise in die Höhe gehen, die Spekulanten sich die Taschen füllen, der Außenhandel (solange die Preislage günstig ist) aufholt, um dann wieder rasch in die Stagnation zurückzufallen. Als Endresultat würde lediglich ein weiterer Wertverlust der Währung bleiben. Aber solange in Algerien Krieg geführt wird, solange der Staat für diesen Krieg zwei Milliarden ffrs je Tag ausgibt, solange er 450 000 Arbeitskräfte in den Soldatenrock steckt – Arbeitskräfte, die in der Wirtschaft dringend gebraucht werden und deren Mangel, jede weitere Produktionsentwicklung hemmt –, solange die Armee einen Großteil der industriellen Erzeugung und der Textilproduktion für sich beansprucht und ein Teil der importierten Rohstoffe für Militärzwecke verbraucht wird, so lange sind die Voraussetzungen für eine Abwertung nicht gegeben. Vor allem würde sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht jenen Weg aus der Sackgasse weisen, in die die französische Finanzpolitik geraten ist...

Die neue Regierung hofft auf die Finanzhilfe der französischen Handelspartner, um einige Monate durchhalten zu können. Nachdem Frankreich im Rahmen des verlängerten EZU-Abkommens ohnehin über seine Schuldnerquote hinaus eine zusätzliche Quote von 200 Mill. $ eingeräumt wurde, würde ein weiterer Kredit von 100 Mill. der in erster Linie von der Bundesrepublik gewährt werden soll, dem französischen Finanzminister eine kleine Atempause gewähren. Auch der Internationale Währungsfonds wird eine Dollarhilfe zugestehen. Aber alle diese Dollareingänge können die Finanzkrise schließlich doch nicht lösen.

Der neue Finanzminister Gaillard – mit 38 Jahren übrigens der jüngste Finanzminister, den es bisher gab und ein Mann vom Fach – scheint einer Wertangleichung des Franc ebenso aus dem Wege gehen zu wollen wie seine Vorgänger. Er hat sogar ein Programm; es ist bemerkenswert und könnte wirklich erfolgreich sein. Nur haben bisher die besten Wirtschaftsprogramme keine Lösung der vielen Fragen gebracht, weil keine Regierung lange genug im Sattel blieb, um ihre Vorhaben durchführen zu können...