Von Paul Hühnerfeld

Zwölf Jahre nach dem Zeitpunkt "O" haben wir Deutschen vieles wieder aufgeholt, wovon wir zwölf Jahre lang durch das nationalsozialistische Regime abgetrennt waren. Aber auch heute noch, 1957, entdeckt man von Zeit zu Zeit eine Lücke auf dem Gebiet der Wissenschaft, mehr noch in Kunst, Musik und Literatur. Wir entdecken die Lücke meistens erst, wenn sie sich schließt.

Eine Lücke, die sich gerade schließt, ein bedeutender Roman, der erst jetzt, 18 Jahre nach seiner ersten Ausgabe, zu uns nach Deutschland kommt, ist:

Sergiusz Piasecki: "Der Geliebte der Großen Bärin", Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Günter Walzel. Bei Kiepenheuer & Witsch, Köln. 414 S., 16,80 DM.

Sergiusz Piasecki hat das Schicksal eines Abenteurers hinter sich. 1899 geboren, seit 1916 Soldat, Teilnehmer am polnischen Freiheitskrieg, im Krieg verwundet. Nach seiner Genesung besuchte er eine Offiziersschule, verließ sie, als die Russen in Polen einfielen, und meldete sich wieder zur Truppe. Von da ab wird sein Schicksal undeutlich. Man hört nichts mehr von ihm bis 1924, als er an der polnisch-sowjetischen Grenze wegen Schmuggels von den Russen verhaftet wird.

Er bricht aus dem Gefängnis aus. Doch als ihn ein paar Jahre danach die polnische Grenzpolizei aufgreift, wird er von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt. Daß diese Strafe nicht vollstreckt, sondern in eine langjährige Zuchthausstrafe umgewandelt wird, gibt einen Hinweis auf die Tätigkeit Piaseckis in den frühen zwanziger Jahren. Vielleicht ist es der polnische Geheimdienst, der ihn vor dem Tode rettet und sich so erkenntlich zeigt für die Dienste, die der Verurteilte ihm in diesen Jahren geleistet hat.

Im Zuchthaus schreibt Piasecki sein Buch. Es ist das Buch eines Schmugglerlebens an der ostpolnischen Grenze, ein Buch, mit solcher Leidenschaft geschrieben, von solcher Lebensintensität, daß es auf uns perfektionierte Leser, gewöhnt an mehr oder weniger perfektionierte Literatur, wie ein kaltes Bad im Hochsommer wirkt. Nach der Lektüre ist man so erfrischt, daß man zunächst in anderen Gewässern (sprich Büchern), die noch dazu meist laues Wasser enthalten, nicht mehr zu baden gedenkt. – Schon der Anfang dieses Buches ist einfach und groß.