Böse Belehrung in Potsdam – Fünf Klassen im klassenlosen Sowjetstaat

Eine Studienreise im Sonderomnibus nach Potsdam ist wie eine Expedition. Kürzlich erhielt der erste mit einer Gruppe Hamburger Lehrer die Genehmigung einzureisen. Der Weg über Westberlin war vorgeschrieben, und in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße mußte er den ostzonalen Reiseleiter aufnehmen. Es war der Hamburger Reiseleitung telephonisch mitgeteilt worden, daß sie über die Autobahn, Kontrollpunkt Dreilinden, nach Potsdam fahren müsse. 66 DM Autobahn- und Straßengebühr mußten in Westwährung bezahlt werden, und die Reisenden erhielten auf den Weg die Ermahnung mit, daß sie nicht einkehren dürften. Über die Lange Brücke erreichten sie die Stadt. In der Lindenstraße erwartete sie der Potsdamer Stadtführer, der eine weiße Mütze mit Würde trug. – Am Brandenburger Tor betraten die westdeutschen Reisenden durch das grüne Gitter bei der Friedenskirche den Park von Sanssouci. Es ist dort sehr lebhaft: russische Soldaten und Offiziere, vielfach mit ihren Frauen und Kindern, Uniformierte der DDR und Zivilpersonen promenieren dort. Der Stadtführer bleibt dann und wann stehen und erklärt den Reisenden aus der Bundesrepublik die Sehenswürdigkeiten, wie er es schon vor zwanzig Jahren getan hat. Lediglich Friedrich der Große ist seines Beinamens entkleidet und zählt einfach als Friedrich II.

Die Eintrittsgelder für die Schlösser haben die Reisenden’ mit allen möglichen Sondergebühren vorher bezahlt. Im Schloß Sanssouci packen die westdeutschen Besucher die Erinnerungen. Durch den Park gelangen sie zum Cäcilienhof und stehen in jenem Raum, in dem am 17. Juli 1945 die Potsdamer Konferenz zwischen Churchill, Stalin und Truman begann. Die Möbel wurden damals aus anderen Schlössern zusammengetragen. Auf dem großen runden Tisch in der Mitte liegen einige Tafeln, auf denen die Hamburger Landkarten von Deutschland erkennen. Sie dienen dem Fremdenführer als Hilfsmittel, um zu beweisen, daß die "imperialistischen Westmächte" die Teilung Deutschlands gewollt hätten, und nur die UdSSR der wahre Freund des deutschen Volkes sei. Die Besucher sehen den Plan eines Amerikaners Kaufmann, nach dem Deutschland an seine Nachbarstaaten verteilt werden sollte, und aus Hamburg eine holländische Stadt geworden wäre. Der Führer spricht von einem amerikanischen Plan, der in Teheran 1943 vorgelegt worden ist und der einen internationalen Hafen Hamburg im Staat Hannover vorsah. Er zeigt darauf, den Hamburgern einen weiteren Plan: den Welles-Plan aus dem Juni 1944, der eine Dreiteilung Deutschlands vorsah. Er hatte auch den Morgenthau-Plan zur Hand und belehrte die Fremden aus dem Westen, daß sie es lediglich Stalin zu danken hätten, daß in dem westlichen Entwurf der Kapitulationsurkunde auf seinen Einspruch hin das Wort von dismemberment of Germany gestrichen und eine "Annexion deutscher Gebiete" verworfen worden wäre.

Alles, was dann folgte und die Besucher in den anderen Räumen zu sehen bekamen, war dem gleichen Leitgedanken eingeordnet: UdSSR der einzige Freund des deutschen Volkes. "Ich weiß, daß ich Sie nicht sofort überzeugen kann, doch möchte ich Sie bitten, später einmal zu überprüfen, ob Sie nicht doch ‚Ja‘ zu meinen Gedankengängen sagen können, zumal wir uns im Endziel einig wissen: dem geeinten deutschen Volke den Frieden zu schenken und zu erhalten!", so beschwor der perfekte Stadtführer die Besucher. Sie konstatierten mit Schrecken die erschütternde Tatsache, daß Deutsche in Ost und West beginnen, verschiedene Sprachen zu sprechen.

In Vitrinen auf dem Flur, in Rahmen an der Wand ausgestellt sind Zeitungsausschnitte, Photographien aus Konzentrationslagern, den ersten Nachkriegstagen und aus späterer Zeit. Ei ist eigentlich der einzige Platz, wo die Deutschen unmittelbar angesprochen werden, wo man sie, nicht Amerikaner, Briten oder Franzosen anklagt, wo man ihnen die Schuld an denVerbrechen der Hitler-Jahre vor Augen führt.

Der Weg führt zurück in den Empfangsraum: Vor einem dicken Gästebuch stehen Männer und Frauen, Jungen und Mädel, Bewohner der EDR und ihrer Nachbarstaaten Schlange, um sich einzutragen. Darunter sind auch einige sowjetische Offiziere und Soldaten.

Die Freude, daß – abgesehen von den Zerstörungen in der Stadt Potsdam – Park und Schlösser erhalten geblieben sind und gepflegt werden, ist nicht ungetrübt... A. M.