ath, München, Anfang Juli

Das Wappentier des alten Simplizissimus, die rote Bulldogge, die eine zerrissene Kette hinter sich her schleift, kommt dem neuen Simpl von heute offenbar nicht zu. Denn der liegt an einer sehr starken Kette – und anscheinend recht kurz angebunden; an der Kette, die im demokratischen Staatswesen verhindert, daß die Freiheit nicht überhandnimmt: es ist die Kette der wirtschaftlichen Abhängigkeit. Und mit dieser Kette will der bayerische Landtagsabgeordnete Dr. Alois Hundhammer die kaum wiedergeborene Bulldogge jetzt erwürgen.

Inmitten des allgemeinen Wirtschaftswunderfreudentaumels mit seinen entfesselten Lebensgefühl spielt Dr. Hundhammer eine ähnliche Rolle wie seinerzeit Bruder Girolamo Savonarola im freiheitstrunkenen üppigen Florenz der Medici. Er hat schon als Kultusminister sich den Ruf eines Puritaners erworben, als er den Baculus wieder in der Schule einführte, weil er der Meinung war, der Gedanke pädagogischer Zucht und das Nervensystem der Lehrer seien schutzbedürftiger als die lederbehosten Hinterteile bayerischer Lausbuben; oder als er den "Abraxas" vom Spielplan der Staatsoper abzusetzen verlangte, weil es in diesem Ballett einigermaßen bacchantisch zuging.

Er läßt sich auch jetzt, als Abgeordneter, stets von den strengsten moralischen Grundsätzen leiten, auf die Gefahr hin, damit sehr unpopulär zu wirken und sogar in den Geruch eines Banausen zu kommen, wie etwa, wenn er immer wieder bei den Debatten um den Wiederaufbau des Nationaltheaters seine wirtschaftlichen Bedenken einwirft, solange es noch ein Flüchtlingselend und eine längst nicht behobene Wohnungsnot gibt. Aber Hundhammer ist bei alledem weder amusisch noch humorlos. Was an ihm befremdet, ist der anachronistische Ernst, mit dem er seine frommen Grundsätze vertritt. Dazu berechtigt ihn freilich seine eigene tadelfreie Haltung, an der noch kein Gegner einen kritischen Punkt entdecken konnte.

Alois Hundhammer wirft dem "Simplizissimus" vor, er sei der Zweideutigkeit und der Zote zugetan und habe besonders in letzter Zeit häufig mit seinen Karikaturen religiöse, insbesondere katholische Symbole und Institutionen verhöhnt. Den schärfsten Protest Dr. Hundhammers löste eine. Zeichnung mit dem Titel "Die deutsche Prozession" aus, die freilich der Absicht nach keineswegs gegen einen ritualen Brauch gerichtet war, sondern den Aufmarsch der wirtschaftswunderlichen Glücksgüter der Bundesrepublik zeigte, vor denen sich das Volk verneigt und zur entsprechenden Wahl bekennt. Wieweit trotzdem religiöse Empfindungen durch derartige Darstellungen beleidet werden können, müßte von Fall zu Fall entschieden werden. Einen Antrag der Katholischen Aktion in Augsburg auf eine einstweilige Verfügung gegen das Blatt hatte der Staatsanwalt jedenfalls abgelehnt.

Hundhammer warf nun im Landtag die Frage auf, ob ein Interesse bestünde, "einem solchen Organ entgegenzukommen", das in einem Verlag erscheine, der sich in staatlichen Händen befinde und bei dem das Blatt mit 500 000 Mark verschuldet sei. Der bayerische Staat besitzt in der Tat 40 v.H. der Aktien des Verlages, der seinen Sitz in der noblen und repräsentativen Briennerstraße hat.

Eben deshalb könnte man allerdings auch der Meinung sein, der bayerische Staat habe ja bisher von seinem Aufsichtsrecht oder seiner Aufsichtspflicht in dieser Sache keinen Gebrauch gemacht und dürfte darum schwerlich jetzt einen Vorwurf oder gar einen Grund zur Abwürgung des Unternehmens daraus machen. Aber Alois Hundhammer sagt: "Wenn wir bedenken, wie wir für andere Zwecke um 10 000 oder 20 000 Mark ringen, dann ist es unerträglich, daß man hier auf so große Summen zugunsten dieses Organs verzichtet". Und dagegen ist erst recht kein überzeugendes Argument zu finden, ganz abgesehen von der Frage, wie hoch oder wie niedrig man den Rang der Zeitschrift einwertet oder in welchem Maße man glaubt, daß die Darstellungsfreiheit eines politischen Witzblattes toleriert werden müßte. Ob nun die Staatsregierung dem Antrag Hundhammers entsprechen wird, den Vertrag mit dem "Simplizissimus" zu lösen, wird sich erst entscheiden, wenn auch das Finanzministerium dazu Stellung genommen haben wird.