Folgendes kleine Protokoll aus dem Bundestag verdient es, in vollem Wortlaut wiedergegeben zu werden. Es sind die Worte, die der sozialdemokratische Abgeordnete und zweiter Vorsitzender des Finanzausschusses, der Kieler Professor Jülich an den Abgeordneten Dr. Wellhausen aus Nürnberg richtete, den ersten Vorsitzenden des Ausschusses, der bekanntgab, daß er für den kommenden Bundestag nicht kandidieren werde. Dort ein Vertreter der Opposition, hier einer der Regierungsparteien. Was der SPD-Sprecher über seinen parteipolitischen Gegner und doch zugleich Kollegen im Ausschuß zu sagen hatte, sind Worte wie ein heller Sonnenstrahl, der ins Dunkel oder Halbdunkel der Auseinandersetzungen zwischen den Parteien im Kampf um die Wählerstimmen fällt. Es gibt also. Noblesse in unserem Parlament, und das sogar im Wahljahr. Es gibt also die Möglichkeit, in sachlicher Gegnerschaft, aber in persönlicher Wertschätzung, ja Freundschaft zu leben. Es gibt also Demokratie!

Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

In der letzten Sitzung des Finanz- und Steuerausschusses dieser Wahlperiode hat dessen Vorsitzender, Herr Dr. Wellhausen, erklärt, daß er für die nächste Wahlperiode nicht mehr kandidieren werde. Der Finanz- und Steuerausschuß hat mich als den stellvertretenden Vorsitzenden gebeten, im Plenum dazu einige Worte zu sagen.

Herr Dr. Wellhausen hat den Finanz- und Steuerausschuß durch Jahre hindurch mit Sachkenntnis, Klugheit, Fairneß und Eleganz geleitet. Er war ein vorzüglicher Vorsitzender und uns allen ein guter und lieber Kollege. Dafür danke ich ihm im Namen des Ausschusses und bedaure, daß er den Entschluß gefaßt hat, den wir nicht ändern können.

Es gibt Persönlichkeiten in allen Parlamenten, ohne die man sich die Weiterarbeit des Parlaments schwer vorstellen kann, deren Ausscheiden vom ganzen Parlament, unabhängig von der Parteizugehörigkeit des einzelnen, bedauert wird. Dr. Wellhausen ist eine von diesen Persönlichkeiten, die sich Anerkennung und Glaubwürdigkeit über die Parteigrenzen hinaus erworben haben. Erlauben Sie mir, daß ich als Mitglied der Opposition noch hinzufüge: Ich habe es immer beglückend empfunden, daß sowohl im ersten wie im zweiten Bundestag ungeachtet aller Gegensätze, die es gibt und ohne die öffentliches Leben nicht gedacht werden kann, sachliche Gegnerschaft, persönliche Hochachtung und, meine Damen und Herren, auch persönliche Freundschaft nicht ausschließt. (Lebhafter Beifall im ganzen Hause.)

Hierzu haben Sie, lieber Kollege und lieber Freund Wellhausen, Ihren gewichtigen Anteil beigetragen. Wenn Sie nun in Zukunft dem deutschen Bundestag nicht angehören werden – sie werden weiterwirken. Und da gestatten Sie mir, daß ich Sie für Ihre persönliche, Ihre berufliche und Ihre öffentliche Wirksamkeit mit einem Wort grüße, daß Goethe in seinen letzten Lebenstagen an Moritz Julius Seebeck schrieb: "Ich denke mir gar zu gern die wackeren Männer, die zugleich bestrebt sind, Kenntnisse zu erweitern und Einsichten zu vertiefen, in voller Tätigkeit."

(Erneuter lebhafter Beifall im ganzen Hause.)