Der siegreich schmetternde Radetzky-Marsch mutet seltsam an als Leitmotiv einer wehmütig heiteren Erzählung vom Glanz und Untergang der Habsburger Monarchie, Und doch gehören diese lockeren Klänge untrennbar zum "untrennbaren" Österreich-Ungarn: wie dieser Roman von Joseph Roth zum großen Erzählerbestand der modernen deutschen Literatur gehört.

Joseph Roth: "Radetzky-Marsch", ro-ro-ro-Taschenbücher, Rowohlt, Hamburg, 1,90 DM.

Das Geschlecht derer von Trotta verdankt seinen Adel einer Heldentat des Ahnherrn in der Schlacht von Solferino – und dem reinen Zufall, daß der unfreiwillige Mittelpunkt dieser Heldentat der junge Kaiser Franz Josef war. Und der letzte Trotta fällt gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs – wieder als Held einer scheinbar sinnlosen Bravourtat. Nur ist der junge Kaiser inzwischen uralt geworden, sein Reich zerfällt, und die Lesebücher der Republik verkünden jetzt andere Märchen.

Wie alle Buddenbrooks echte Lübecker, also typische Deutsche waren, so sind alle Trottas typische Österreicher – nämlich Slowenen. Eine gewisse Geradlinigkeit des Charakters, eine fanatische Wahrheitsliebe, hat sich vom Ahnherrn vererbt, der vergeblich gegen die Verherrlichung seiner Waffentat bei Solferino in den k. u. k. Lesebüchern kämpft – vererbt auf seinen Sohn, den Bezirkshauptmann, und auf den Letzten der Trottas. Aber in den Windmühlen, gegen die der junge Trotta anrennt, hausen noch sehr böse Geister, die viel Unheil anrichten: der Amtsschimmel und der Antisemitismus und die tödliche Öde der kleinen Provinzgarnisonen.

Dazwischen beschwört Joseph Roth in feinsten Haar- und Schattenstrichen die Atmosphäre herauf. Zu ihr gehört das Mittagessen mit Kruspelspitz und Kirschenknödel, der Champagner beim verstohlenen Stelldichein mit einer verheirateten Frau, der Geruch der Schnapsbrennerei in Galizien und der hohle Klang des verstimmten Klaviers in einem Freudenhaus für die Herren Offiziere. Aber auf den nikotinbraunen Tasten dieses Jammerinstruments klingt der unsterbliche Radetzky-Marsch von Johann Strauß so hell und zündend, wie wenn ihn die Regimentskapelle spielt, dirigiert vom Herrn Hauptmann in weißen Handschuhen.

Unwiderstehlich verleitet diese Musik zum Leichtsinn, zu Dummheiten, die dann – das weiß man im voraus – immer wieder von allerhöchster Stelle irgendwie in Ordnung gebracht werden. Es ist alles so lange her, viel länger als die vierzig Jahre, die seither vergangen sind; die k. u. k. Monarchie, "sie war einmal" – aber der "Radetzky-Marsch", dieses Heldenlied ohne Helden, wird bleiben. Rudolf Hermann