Ich hoffe, nicht allzusehr zu enttäuschen, wenn ich sage, daß ich nicht die Absicht habe, auf die Details des Vertrages über den Gemeinsamen Markt einzugehen. Es besteht die Gefahr, daß man sich in diesen mehr oder weniger technischen Detailfragen verirrt und dabei den Blick auf die großen Probleme verliert: daß man den Wald nicht mehr vor Bäumen sieht. Aber ich darf hinzufügen, daß gerade die außerordentliche Kompliziertheit dieses Gebildes, das da heranzuwachsen scheint, einen der Einwände gegen dies Projekt des Gemeinsamen Marktes darstellt. Ich glaube, es gehört keine allzu ausschweifende Phantasie dazu, um sich vorzustellen, daß hier eine Spezialwissenschaft im Werden sein könnte.

Ich möchte alle Details beiseite schieben. Und so habe ich den Mut, in einer etwas seltsamen Weise zu beginnen, indem ich frage, wozu eigentlich die Nationalökonomie da ist und wozu ihre Vertreter berufen sind. Viele scheinen zu meinen, die Hauptfunktion dieser Wissenschaft bestünde darin, eine Herrschaft der Gesellschaft durch Statistiker, mathematische Nationalökonomen, theoretische Modelltischler und Spezialisten der Wirtschaftsplanung wissenschaftlich zu fördern, d. h., das herbeizuführen, wofür ich den Namen "Ökonomokratie" vorschlagen möchte – ein Ausdruck, der so scheußlich ist wie die Sache selber. Diese "Ökonomokratie" ist ja etwas, was uns bereits auf allen Seiten innerhalb der Volkswirtschaften umgibt. Aber nun besteht die immense Gefahr – die gerade in so vielen Plänen und Wegen der europäischen Wirtschaftsintegration immer deutlicher wird –, diese "Ökonomokratie" auf die internationale Ebene zu übertragen: die Herrschaft der Planer, die Herrschaft des Dirigismus (mit suprationalem Wirtschaftsdemokratismus), die Investitionslenkung und den ganzen Rest. Eine solche "Ökonomokratie" scheint mir nicht harmloser zu sein als jede andere "Kratie": Staat und Gesellschaft den Ökonomen – zu deren Zunft ich mich ja rechne – auszuliefern, ist nicht unbedenklicher, als sie den Generälen zu überantworten.

Gerade wer es mit dem Bekenntnis zu Europa ernst meint, und wer Europa in seiner Überlieferung und Eigenart über alles liebt, hat genug Anlaß, starkes Unbehagen zu empfinden: angesichts manchen mißleiteten Übereifers. Unbehagen über den Eifer der Ökonomokraten und Technokraten, die Europa auf dem Reißbrett konstruieren, die es zu einer kolossalen Organisation, einer internationalen Wirtschaftsbürokratie machen möchten – Unbehagen über den Eifer, Europa nach amerikanischem Muster zu einem Schmelztiegel der Nationen und Kulturen zu machen, Unbehagen auch über die Idee eines europäischen Amerikanismus, der alles Qualitative, Bunte, Mannigfaltige, Unmeßbare in der Quantität ertränkt. Ist es unbedingt ein Vorteil, dem Weg der äußersten Konzentration und der extremen Rationalisierung zu folgen?

Ich habe vor kurzem auf ein vortreffliches Wort eines großen Nationalökonomen, des Engländers Alfred Marshall, hinweisen können, der einmal gesagt hat: es sei für einen Nationalökonomen außerordentlich schwer, ein guter Patriot zu sein und gleichzeitig den Ruf eines solchen zu haben, weil er nicht umhin kann, in Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge sich etwa zu einem freien Außenhandel zu bekennen und sich dabei den Zorn der patentierten Patrioten zuzuziehen. Und nun die Anwendung auf unseren Fall: Es ist sehr schwer für einen Nationalökonomen, ein europäischer Patriot zu sein und gleichzeitig den Ruf eines solchen zu haben. Auch für den "europäischen Patriotismus" – in dem ich mich persönlich von niemandem übertreffen lassen möchte, am wenigsten von den patentierten Europäern – gilt eben, daß die wirtschaftliche Vernunft uns zwingt, manche Vorstellungen zu korrigieren, zu denen uns der entflammte politische Enthusiasmus verleiten möchte. Man macht sich durch eine solche Funktion nicht beliebt. Es ist eine sehr undankbare Aufgabe, die man auf sich nimmt. Aber ich möchte, um jedes Mißverständnis auszuschließen, um so stärker das Bekenntnis zu Europa als eine Aufgabe in erster Linie moralisch-geistiger, politischer und natürlich auch wirtschaftlicher Art ablegen.

Ich möchte mich bekennen zu der geradezu imperativen Aufgabe, alle Kräfte unseres Kontinents im Bewußtsein unseres Erbes und im Bewußtsein der uns drohenden immensen Gefahr zu vereinen und damit Europa das ihm zukommende ganze Gewicht in der Weltpolitik zurückzugeben, wozu natürlich nicht bloß Divisionen gehören, sondern vor allen Dingen die Aktivierung – die volle Aktivierung – des europäischen Wirtschaftspotentials. Aber freilich müssen wir zugleich mit allem Nachdruck sagen, daß das – wenn wir Europa treu sein wollen – in einer Weise zu geschehen hat, die eben das Wesentliche Europas bewahrt: die Freiheit in der Verschiedenheit, die Eigenschaft, die schon Montesquieu Europa beigelegt hat, als er davon sprach, daß Europa eine Nation der Nationen sei. Wenn aber umgekehrt Europa nach dem Muster der französischen Republik "une et indivisible" aufs höchste zentralisiert, organisiert, bürokratisiert, embrigadiert und gleichzeitig mehr und mehr zu einem geschlossenen Block nach außen gestaltet wird, dann scheint mir das ein Verrat an unserem Erbe zu sein. Dann scheint mir das darauf hinauszulaufen, daß wir das Europa-Wesentliche zerstören, das uns eben zu europäischen Patrioten macht. Ein kontinentaler Wirtschaftsnationalismus und Wirtschaftskollektivismus ist kein Fortschritt gegenüber dem nationalen – ja, er ist in vielen Hinsichten weit schlimmer: weil er ungehemmter und weil er unentrinnbarer sein würde.

Nun befindet sich der Nationalökonom angesichts des Problems der europäischen Wirtschaftsintegration deshalb in einer besonders ungemütlichen Lage, weil wir hier ein Feld vor uns haben, das reicher als alle anderen an Konfusion, an wohlgemeinten, aber schlecht durchdachten Ideen ist: an jenen Ideen, die man in Genf und in Frankreich ironisch als "idées généreuses" bezeichnet – wobei zu bemerken ist, daß zwar Gefühle großmütig sein sollen, die Gedanken aber richtig und wohldurchdacht

Man hat sehr oft den Eindruck, als glaubten diejenigen, die am lautesten von europäischer Wirtschaftsintegration auf diesen Wegen sprechen, daß es sich hier um eine unerhört neue, unerhört ambitiöse Aufgabe handle, deren Lösung erst unserer heutigen so außerordentlich erleuchteten Generation vorbehalten sei – während die einfache Wahrheit die ist, daß Europa bereits in einem Sinne, den wir uns noch immer durchaus zu eigen machen können, in der Vergangenheit schon einmal wirtschaftlich integriert gewesen ist: und zwar so integriert, daß wir Gott auf den Knien danken würden, wenn wir diesen Grad der Integration heute in greifbarer Nähe sähen.