Wenn er noch lebte, so würde Publius Ovidius Naso (43 v.Chr. bis etwa 18 n.Chr.) in diesem Jahr 2000 Jahre alt. Er wurde es nicht, natürlich nicht, aber seine Ars Amandi, die Metamorphosen, die Liebeselegien und Klagelieder, die ihn im Rom des klassischen Altertums berühmt und berüchtigt machten, sind unvergessen bis auf den heutigen Tag. Wer wollte es da den romanischen Völkern, die sich als die Erben seiner amourösen Poesie fühlen dürfen, verübeln, daß sie den 2000. Geburtstag des im italienischen Sulmona geborenen Libertins festlich begehen wollen. Es verspricht sogar, recht lustig und interessant zu werden.

Freilich, ganz ohne Ärgernis scheint es bei Ovid nie abzugehen. Da hat sich doch eine Regierungsdelegation der Volksrepublik Rumänien zu den Feiern in Rom und Sulmona eingeladen. Als Delegationsführer soll der Volksratsvorsitzende von Konstanza figurieren, jenes Ortes also, der noch Tomis hieß, als Kaiser Augustus den aufsässigen Poeten dorthin verbannte.

Nun dürfen die Rumänen sich zwar zu den romanischen Völkern und also auch zu den Erben des Ovid rechnen, aber hat man je etwas davon gehört, daß sich die kommunistische Regierung Rumäniens besonders um die Pflege antiker Autoren gekümmert hätte?

Jedenfalls haben die in Italien lebenden Exilrumänen schärfstens gegen die Teilnehmer ihrer kommunistischen Landsleute protestiert.

Sie sind wohl mit Recht empört. Erstens überhaupt, zweitens, weil ein Mann wie Ovid in Volksrumänien vermutlich keine zwanzig Jahre alt geworden wäre, und infolgedessen auch keine Werke hätte hinterlassen können, die nach 2000 Jahren noch lebendig sind, und schließlich, weil es sich bei den unerwünschten Besuchern um die Vertreter eines Systems handelt, das den Eros, wie Ovid ihn besang, in parteiamtlicher Prüderie und dem züchterischen Plansoll seiner Bevölkerungspolitik erstickt.

Aber ist es wirklich richtig, den Kommunisten eine verspätete Freundschaft mit Ovid verwehren zu wollen? Ist es nicht doch besser, von der Ars Amandi nur diejenigen fernzuhalten, für die diese Kunst noch verfrüht wäre, als jene, für die es fast zu spät ist. Und sollte man nicht auch die mutmaßliche Meinung des Jubilars berücksichtigen? "Fas est et ab hoste doceri", sagte Ovid in seinen Metamorphosen, "recht ist’s, auch vom Feinde zu lernen." J. Petersen