Von Ludwig, Marcuse

In der Nacht zum 28. Juni starb in Emmendingen, 79 Jahre alt, Alfred Döblin.

Er litt sehr viel, starb sehr langsam, durch viele Jahre – und nicht ohne Bitterkeit. Schon in einem Brief vom 12. September 1951 hieß es: "Eine Masse Bücher, alles in die Luft geredet, aber zur Verfügung der Literaturhistoriker und Totengräber. Es ist eine Lust, zu sterben." In seinem dreiundsiebzigsten Jahr schrieb er: "Das Alter ist kein Spaß." Er meinte sowohl den Verfall des Körpers als auch den Abfall der Leser. Er gehörte nicht zu den Glückskindern, eher zu den ungekrönten Königen – in der Zeit kontinuierlicher Preisverteilungen. Das Nobelpreiskomitee kann sich nicht rühmen, ihn erkannt zu haben.

Vor mehr als zweitausend Jahren lebte ein Mann, der sagte, man könne keinen ordentlichen Staat bauen, wenn man nicht vorher die Dichter heraussetze – diese unordentlichen, Unordnung stiftenden Gesellen. Der Mann muß an Alfred Döblin gedacht haben. Denn was der da in seinen "Sechs Tagen" fertiggebracht hat: von dem Buch "Die drei Sprünge des Wang-lun" bis zur Trilogie "November 1918" – das ist schon eine tolle Unordnung. Das paßt nur in die Döblinsche Anthropologie, die da lautet: "Alle menschlichen Dinge sind wacklig." Und das paßt nur in die Döblinsche Ästhetik, in der geschrieben steht: "Das Herabsinken in das ganz Begreifliche charakterisiert die Entartung des Kunstwerks."

Was für eine unordentliche Biographie schon: ein preußischer Jude aus Stettin wurde ein französischer Katholik in Paris. Dazwischen war er so etwas Ähnliches wie Marxist und Agnostiker; in der Emigration ein leidenschaftlicher Jude, der für die "Freiland"-Bewegung kämpfte; nach dem zweiten Weltkrieg ein französischer Oberst, der eine deutsche Zeitschrift herausgab, und ein militanter Katholik, der in mein Exemplar seines Buches "Der unsterbliche Mensch" diese Widmung hineinschrieb: "Für das Heidenpaar Ludwig und Sascha Marcuse – in Freundschaft."

Der Vater hatte ein Schneideratelier, eine schlechte Ehe und fünf Kinder. Er brannte durch, als unser Döblin sieben war. Die Mutter zog mit der Armut und den Kleinen nach Berlin. Damals wurde Alfred der "geborene" Berliner. Er kam in die Gemeindeschule am Friedrichshain, erhielt eine Freistelle im Gymnasium – und er wurde nie ein Gymnasiast. Weder die Antike noch das Goethe-Athen hatten es ihm sonderlich angetan. Das humanistische Bildungideal erbte er nie. Kleist und Hölderlin wurden die Götter seiner Jugend: "Ich stand mit ihnen gegen das Ruhende, das Bürgerliche, Gesättigte und Mäßige." Er war in Stettin geboren, in Berlin aber wurde er Schriftsteller – zur Zeit der Vorherrschaft des anti-bourgeoisen Affekts. Er wollte "keine Philosophie und noch weniger den lieben Schein der Kunst", auch nicht den "schönen Schein" einer politischen Ideologie – und wurde Arzt in der Frankfurter Allee, weit weg vom "schönen Schein" des Westens.

Als ich ihn kennenlernte, in den goldenen Tagen nach dem 1. Weltkrieg: den weichen Hut etwas in die Stirn gedrückt; ein Springinsfeld von Vierzig; die schärfste Berliner Schnauze; Max Adalbert ähnelnd – aber gar nicht leise; ein Streiter, der sagte, daß man den Kopf vor allem dazu brauche, um Wände einzurennen; der unermüdlichste Witzereißer und Lacher... Damals war er schon ebenso rätselhaft, wie wir ihn erst später erkannten. In "Berlin Alexanderplatz" wurde das Berlinische dämonisch und das Sozialkritische mystisch ... und doch war nichts Vages, Hochtrabendes, Konformistisches an diesem Mann. Er war kritisch – scharf und von erfrischendster Unmittelbarkeit. Man sandte ihm ein Buch zu, das man gerade veröffentlicht hatte, und er antwortete: "Ich weiß schon jetzt, es liest sich sehr gut, und ich billige es nicht."