V>r einigen Wochen ging durch die Tageszeitungen eine Nachricht, die es, aus gegebenem aktuellen Anlaß, nun, doch verdient, etwas näher ins Rampenlicht gezogen zu werden. In Bayern wurden von den mehr als zwei Millionen DM, die das Land für Mietbeihilfen in einem Sondertopf parat gelegt hatte, nur etwa 50 000 DM in Anspruch genommen. Damit sei erwiesen, so hieß es, daß das System der individuellen Mietzuschüsse nicht praktikabel sei; der Staatsbürger scheue davor zurück, einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen, um schließlich, bei nachgewiesener Bedürftigkeit, vom Staat einige wenige Mark auf den hingehaltenen Teller gelegt zu bekommen. Nun, das Ausfüllen von Fragebogen über die eigenen Einkommensverhältnisse ist keine angenehme und manchmal sogar eine peinliche Beschäftigung. Fragebogen gehören zu den sieben Kreuzübeln unserer auskunftbeflissenen Zeit. Aber natürlich lassen diese angebotenen, aber nicht abgeholten Millionen auch eine andere Version zu, und sie liegt, wenn man so um sich schaut, wohl auch nicht so ganz weitab von der Wirklichkeit. Es ist auch möglich, daß die Anträge auf Mietsubventionen deswegen nur von so verhältnismäßig wenigen gestellt wurden, weil die Zahl derer, die solche Hilfen wirklich nötig haben, oder die den Nachweis erbringen können, daß sie "bedürftig" sind, offenbar viel kleiner uns etwa — und dieser Verdacht sei bescheiden am Rande vermerkt — in unserem sozialen Wohnungsbau sozialer geben, als es die sozialen Realitäten in concreto erheischen? .

Seit geraumer Zeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht von berufener oder weniger berufener Seite der drohende Zusammenbruch des sozialen Wohnungsbaues an die Wand künftiger Schrecken gemalt wird. Der Wahlkampf hat also auch in dieser Arena seinen unfriedlichen Einzug gehalten. Aber nicht zu leugnen ist, daß der Wohnungsbau — wieder einmal, so muß man ja wohl sagen — in der Finanzierungsklemme steckt. Es fehlen die ersten Hypotheken, die über den Kapitalmarkt besorgt werden müssen; vor allem sind sie, gemessen an den Mieten, die gefordert werden dürfen, zu teuer. Auf dieses Dilemma hinzuweisen und beizeiten an der Alarmglocke zu hantieren, ist nicht nur das gute Recht, sondern auch die Pflicht derjenigen, die von berufswegen in dieser Sparte des Wirtschaftslebens als erfahrene Sachkenner tätig sind. Nicht gefallen will es aber, daß dabei, insbesondere von den Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften, immer nur nach der immer nur in einer Richtung gesucht wird: nämlich in der vermehrten Staatshilfe. Auch dieser Knüppel, der von der Finanzierungsseite dem Wohnungsbau zwischen die Beine geworfen wird, hat zwei Seiten. Vielleicht hat der Staat bereits zuviel des Guten getan und vielleicht hat er sich dabei schon kräftig übernommen.

Jeder, der die Geschichte des Wohnungsbaues seit der Währungsreform mitverfolgt hat, weiß, welche gewagten und ausgeklügelten Operationen notwendig waren, um diesen fußkranken Mitmarschierer des wirtschaftlichen Aufstiegs mit von Jahr zu Jahr steigenden Rekordzahlen und einem tragbaren Mietniveau — was tragbar ist, darüber gingen die Meinungen immer auseinander — über die Runden zu bringen. Jahre hindurch wurde der Kapitalzins, im Interesse vor allem des Wohnungsbaues, an der obrigkeitlichen Zwangsleine festgehalten. Als man sich dann, aus wohlerwogenen gesrttfztwirtschaftlichen Gründen, zu den ersten Schritten in einen freien Kapitalmarkt entschloß, wurden über das "Kapitalmarktförderungsgesetz" diesem Teil der Wirtschaft Sonderprivilegien en masse eingeräumt. Da bei der großen Kapitalknappheit ein Pfandbriefzins von 5 v. H nicht interessant war, wurden sowohl der Erwerb dieser Papiere wie ihre Erträge steuerbegünstigt. Diese Aktion wurde zu einem vollen, Erfolg für den sozialen Wohnungsbau, aber, nach der Ansicht der Experten, zu "einem Schlag gegen den Kapitalmarkt", von dessen Wiedergesundung auf längere Sicht auch das Schicksal des Wohnungsbaues abhängt. Sie wurde deswegen abgebrochen. Aber im Herbst vergangenen Jahres mußte dem mit seinen sechs- oder sechseinhalb! prozentigen Pfandbriefen am Kapitalmarkt nicht konkurrenzfähigen Wohnungsbau erneut kraftig unter die Arme gegriffen werden. Dieses "Preuskersparen" führte dem Patienten 600 MUL DM für den erststelligen Raum zu; doch abgesehen davon, daß diese über steuerbegünstigte Sparverträge mit dreijähriger Dauer aus dem Kapitalmarkt herausgekitzelten Beträge nach Ablauf dieser Frist wohl oder übel noch konsolidiert werden müssen, hat diese zweite Sonderveranstaltung zugunsten des sozialen Wohnungsbaues die nur noch dem Fachkenner entwirrbare Konfusion auf dem Kapitalmarkt vollendet. Jedenfalls ist man sich darüber klar geworden, daß der Kapitalmarkt mit Sonderattacken dieser Art nun endgültig verschont bleiben muß, wenn wir noch eine Hoffnung haben wollen, ihn einmal wieder auf die Beine stellen zu können. Kaum aber ist diese Einsicht, begrüßenswerterweise auch von der Avantgarde der sozialen Wohnungsbauer, ausgesprochen, da beginnen am Horizont neue Wolken, diesmal zwielichtiger Farbe, aufzuziehen. Als jüngstes Produkt einer offenbar sowohl an den sozialen (siehe oben!) wie auch an den wirtschaftlichen Gegebenheiten vorbeizielenden Wohnungsbaupraxis haben wir uns wieder einmal mit der mißlichen Angelegenheit des "grauen" PfandbritfEs ist kein Geheimnis mehr, daß seit längerem Pfandbriefe wieder "grau", d h mit erheblichen Abschlägen unter dem offiziellen Kurs gehandelt werden. Der siebeneinhalbprozentige Pfandbrief, lier zu 95 verkauft wird, wird unter der Hand zu 88 oder 89 angeboten; für das sechsprozentige Papier wird bereits ein Preis unter 80 genannt. Die aus verständlichen Gründen an einem niedrigen Nominalzins interessierten Wohnurigsbauer nennen das "marktgerechte" Kurse. Das sind sie allerdings. Aber diese Art von Marktgerechtigkeit, die sich hinter den Kulissen durchsetzt, hat eine ganze Reihe von Schönheitsfehlern; sie ist ein Indiz dafür, daß an diesem Markt etwas nicht in Ordnung ist. Wenn Wohnungsbaupapiere nur mit Preisabschlägen zu 20 und mehr Prozent "grau" an den Mann zu bringen sind, dann ist damit doch wohl zur Genüge erwiesen, daß das mit Rücksicht auf den sozialen Wohnungsbau (also die Mieten) heruntergedrückte Zinsniveau markt nach hinten losgegangene Schuß ist eine nungsbau nach Lösungen zu suchen, die marktgerecht sind und dennoch das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen brauchen. Und wie die Erfahrungen in Bayern zeigen, braucht man dabei gar nicht einmal so zimperlich zu sein.