GK, Rosenheim

Über sechzig Mitglieder von Obst- und Gartenbauvereinen des bayerischen Inntals müssen in diesen Tagen einen ihrem bäuerlichen Beruf recht artfremden Schulungskurs absolvieren: sie werden als Raketenschützen ausgebildet. Weil jedoch der Gegner, auf den sie demnächst schießen sollen, einer ihrer gefürchtetsten Feinde ist, hofft man, daß sie mit Lust bei der Sache sein und besonders genau zielen werden.

Es handelt sich bei diesem kriegerischen Unternehmen um nichts anderes, als um die Hagelbekämpfung.

Der Plan, ähnlich wie in der Schweiz und in Südtirol, schwere Gewitterwolken mit Raketen zu beschießen und durch chemische Beeinflussung die Bildung von Hagelkörnern zu verhindern, bewegt schon seit Jahren den Landrat des Kreises Rosenheim, Georg Knott, und seine Mitarbeiter. Denn gerade das fruchtbare Voralpengebiet zwischen den Flüssen Mangfall und Inn und dem Chiemsee wird immer wieder von schweren Hagelschauern heimgesucht, die vor allem die Obst- und Gemüsegärten übel zurichten. Mit Ausdauer bestürmten die Rosenheimer die bayerische Staatsregierung und den Landtag, sie möchten doch Geld für die Hagelabwehr zur Verfügung stellen. Dort war man zunächst ein wenig skeptisch.

„So .dumm sind wir Schweizer nicht, daß wir vierzig Jahre lang an eine Sache Zeit und Geld verschwenden, ohne an einen Erfolg zu glauben“, bekräftigte der 66jährige Jakob Aeberli aus Herrliberg am Zürichsee die Meinung der Rosenheimer. Aeberli ist der Leiter des Rapport- und Meldewesens der Schweizerischen Vereinigung für Hagelbekämpfung und gilt als einer der erfahrensten Praktiker auf diesem Gebiet.

Durch solcherlei fachmännische Urteile zuversichtlich gestimmt, erklärte schließlich die Staatsregierung den Landkreis Rosenheim zum Versuchsgebiet für die bayerische Hagelbekämpfung, und der Landtag bewilligte dazu 80 000 Mark. Auch der Kreistag Rosenheim gab 10 000 Mark, und möglicherweise steuert sogar die Staatliche Hagelversicherung noch 25 000 Mark bei. Wollte man jedes der durchschnittlich 23 Gewitter im Jahr, die in der Rosenheimer Gegend niedergehen, beschießen, brauchte man freilich doppelt soviel Geld. Aber zunächst soll es sich ja auch nur um die ersten Versuche handeln.

Der Generalstabsplan ist unterdes fertig. Im Inntal, das hier fast genau in Nord–Süd-Richtung verläuft, entstehen auf einer Strecke von rund 30 Kilometern etwa 60 Raketen-Abschußstationen, die gewissermaßen die Hauptkampflinie darstellen. Einige verstreute Abschußstellen werden sodann im „Hinterland“ zwischen Simssee und Chiemsee errichtet. Nun können selbstverständlich auch die besten Hagelbekämpfer nicht ohne gute Melder auskommen. Deshalb ist ein wichtiges Glied in der Abwehrfront ein Ring von Beobachtungsposten, die gewissermaßen in das Vorfeld verlegt werden, in die benachbarten Landkreise Bad Aibling, Miesbach, Ebersberg, Wasserburg und Traunstein. Auf der Landkarte betrachtet, läßt sich dieser Kampfplan etwa mit dem der Tiroler Freiheitskämpfer während der napoleonischen Besetzung vergleichen.

Geschossen wird mit sogenannten Silberjodid-Raketen. Stückpreis 20 bis 30 Mark. Eine deutsche Firma stellt die Geschosse nach einer Schweizer Lizenz her. Das Silberjodid soll verhindern, daß sich die in einer Gewitterwolke enthaltenen winzigen Eiskristalle mit immer mehr Wassertröpfchen verbinden und schließlich die sogenannten Hagelschloßen bilden.

Ein Arbeitsausschuß, dessen Vorsitzender der Chef des Aerologischen Instituts in München-Riem, Dr. H. G. Müller, ist, leitet die Versuchsreihe. Ebenso gespannt wie der „Generalstab“ und die Raketenschützen ist die Bevölkerung auf das Ergebnis der ersten Anti-Hagel-Offensive in Bayern. Wann sie beginnt, hängt jetzt allein von der Laune des Wetters ab.