Hindenburg hat in den großen Entscheidungen 1932 und 1933 aus Altersschwäche versagt. Seiner Senilität ist zum guten Teil die Machtergreifung Hitlers und damit der Zusammenbruch der Weimarer Republik zuzuschreiben. Mit einer ähnlichen Gefahr muß gerechnet werden, wenn dem ungefähr gleichaltrigen Adenauer für vier weitere Jahre das Kanzleramt, anvertraut würde." Das ist eine Überlegung, die man in Gesprächen über die bevorstehenden Wahlen und deren Folgen in der letzten Zeit immer häufiger hören kann.

Nun besteht an sich kein Anlaß, Adenauer mit seiner massiven und hochdotierten Propaganda in diesem Wahlkampf besonders zu schützen. Aber der Vergleich ist zeitgeschichtlich und politisch so interessant, daß sich eine kurze Prüfung lohnt.

Hindenburg gerecht zu beurteilen, ist auch heute noch sehr schwierig. Meist wird er über- oder unterschätzt. Daß er über eine große Autorität verfügte, kann kaum bestritten werden. Aber sie beruhte weniger auf seiner Leistung als auf seiner Haltung und seinem Auftreten. Er deckte mit seiner Autorität die Entscheidungen anderer (Ludendorff, Gröner, Brüning), die ihrerseits wiederum seine Autorität stärkten.

Hindenburg, der sein ganzes Leben im statischen, streng hierarchischen Bereich einer durch Befehl und Gehorsam zusammengehaltenen und wirkenden Armee zugebracht hatte, wurde als 77jähriger in den Mittelpunkt der Dynamik eines demokratischen Staates gerückt. Diese Ordnung war ihm fremd und er hat sie auch nie geistig erfaßt. Von der geschriebenen Verfassung, die er sicherlich oft und gründlich gelesen hat, wird seine Vorstellung nicht viel anders gewesen sein als die des Unteroffiziers von der Felddienstordnung. Das Tragische war, daß er sich noch im hohen Alter vor eine Aufgabe stellen ließ, die er im Grunde nie begriffen hat, nämlich in einer Krisensituation die Funktion eines Diktators zum Schutze der Demokratie zu übernehmen.

Hindenburg hat, weil es ihm an Entscheidungs-Souveränität fehlte, schon im Sommer und Herbst 1918 versagt, was durch die politische Mythologie geflissentlich verschleiert wurde. Und er hat wiederum aus dem gleichen Grunde und auch wegen seiner völlig unpolitischen Vorstellungen 1932/33 versagt. Gewiß mag die Altersschwäche dabei mitgewirkt haben, aber entscheidend war sie nicht. Man darf auch nicht vergessen, daß Hindenburg damals unersetzlich war, gleichgültig, in welchem Zustand er sich auch immer befunden hätte. Seine Nichtwiederwahl oder sein Rücktritt hätte 1932 bedeutet, daß Hitler sein Nachfolger geworden wäre.

Adenauer hingegen ist im demokratischen Milieu aufgewachsen und hat in ihm sein ganzes Leben, außer der Zeit der erzwungenen Muße während des Dritten Reiches, zugebracht. 1906 wurde er Abgeordneter der Stadt Köln. Die Kommunalpolitik war im kaiserlichen Deutschland diejenige Ebene, auf der das Demokratische noch am ehesten zur Geltung kommen konnte. Sechzehn Jahre war er Oberbürgermeister von Köln und verstand es, die durch die rheinische Bürgermeisterverfassung gegebene mächtige Stadtoberhaupt-Position voll auszufüllen. Noch heute als Bundeskanzler regiert er im Grunde nach den Prinzipien, die er damals erprobt und angewandt hat.

Er hat Sinn und Wesen demokratischer Ordnung im Negativen wie im Positiven bis ins letzte erfaßt und beherrscht deren Instrumentarium souverän. Selbst seine Gegner werden ihm zubilligen, daß seine Autorität weniger auf Haltung und Auftreten, als auf seiner Führungsbegabung beruht, die so stark ist, daß sie Mängel in Haltung und Auftreten überschattet. Er deckt nicht fremde Entscheidungen mit seiner Autorität, sondern ringt ständig um den eigenen Anspruch auf "einsame Entschlüsse."