DIE ZEIT

Chruschtschow und der Frieden

Von allen Kreml-Astrologen scheint Marschall Tito der Wahrheit am nächsten gekommen zu sein, als er bald nach der ungarischen Tragödie sagte, es gäbe im Kreml eine „stalinistische“ und eine „antistalinistische“ Gruppe, die um die Macht kämpften.

Finis Germaniae

Kann man sich vorstellen, daß der vom Kanzler so geschätzte Macmillan je sagen (ja, auch nur denken) würde, Englands Untergang stehe bevor, wenn Gaitskell ihn ablöse? Gewiß besteht in England Einigkeit über die Außenpolitik, und ein Wechsel der Regierung würde daher nicht wie in Deutschland eine totale Veränderung der außenpolitischen Linie mit sich bringen; aber schließlich steht ja noch gar nicht fest, daß die SPD eine solche Veränderung auch tatsächlich durchführen würde.

Hindenburg und Adenauer

Hindenburg hat in den großen Entscheidungen 1932 und 1933 aus Altersschwäche versagt. Seiner Senilität ist zum guten Teil die Machtergreifung Hitlers und damit der Zusammenbruch der Weimarer Republik zuzuschreiben.

Verzanktes Ende

So hätte der zweite Deutsche Bundestag fürwahr nicht auseinandergehen dürfen. Seit Tagen schien dem Hause nichts so wichtig zu sein wie der Kampf um die Geschäftsordnung.

Bayerns Heimat- und Königsbund

Daß die deutschen Botschaften, Gesandtschaften und Konsulate überall auf der Welt in arge Raumnöte gerieten – dies wäre eine sichere (und vielleicht die einzig sichere) Folge jener föderalistischen Unternehmung, die dieser Tage vom Bayerischen Heimat- und Königsbund auf das dringendste gefordert wurde.

Zoli hat es schwer

Wahrscheinlich wird der 70jährige italienische Ministerpräsident Adone Zoll nur bis zu den Sommerferien regieren. Es kann auch sein, daß er sein „einfarbiges“ christlich-demokratisches Kabinett bis in den Herbst hinein über Wasser hält.

ZEITSPIEGEL

Daß Bourgès-Maunoury sein Kabinett bis jetzt im Amt halten konnte, verdankt er nur der Tour de France. Es ist nämlich ein ungeschriebenes Gesetz bei uns, daß während der Tour keine Regierung gestürzt werden darf.

Ein Brief aus Ungarn

Der starke Mann Rußlands, Nikita Chruschtschow, sagt, das Kadar-Regime sei die vom Volke Ungarns gewollte Regierung. Leicht gesagt, schwer geglaubt.

Die lieben Verwandten aus dem Osten

Nirgendwo in Westdeutschland wird die vielschichtige Problematik, die sich aus der Spaltung Deutschlands ergibt, so deutlich zur menschlichen Tragik wie in Westberlin.

Der republikanische Prinz

Vor sieben Jahren erlaubte das französische Parlament dem bourbonischen Thronprätendenten, dem Grafen von Paris, die Rückkehr in die Heimat.

Wenn sie am Rhein marschieren...

Aus – der Stube 208 des Blockes A der Koblenzer Gneisenau-Kaserne tönt die Kommandostimme eines Unteroffiziers: "Was ist das für ein Sauladen? Haben Sie Zum Stubendurchgang Staub geputzt? Und was ist das? Staub! Sehr richtig! Staub! Soll ich Ihnen allen Staub, den ich hier finde, in Ihr blödes Gesicht schmieren? Und Sie da: Grinsen Sie nicht! Spind auf! Ist das eine Spindordnung, Sie Würstchen? Dieses Fach aufmachen – aber Beeilung, wenn ich bitten darf.

Regieren teurer ...

Die Sitzung des Britischen Unterhauses am 5. Juli war ebenso kurz wie sie gut besucht war. Die Abgeordneten waren lediglich erschienen, um sich vom Premierminister Macmillan die Erhöhung ihrer Bezüge mitteilen zu lassen.

Irische Dickschädel

Eine schon seit sieben Wochen andauernde konfessionelle Fehde, die den Frieden einer ganzen Nation zu bedrohen scheint, brach ursprünglich in einem kleinen Dorf Irlands aus, das sich in zwei erbittert einander bekämpfende Parteien gespalten hat: Frau Sheila Cloney (protestantisch), aus Fethard in Wexford, war mit einem Katholiken die Ehe eingegangen.

Mitgefangen, mitgehangen

Im Hause des Gehängten, heißt es, rede man nicht vom Strick. Wo jedoch der Strick noch zu fürchten ist, scheint es angebracht, ihn nur recht häufig zu beschwören, um das drohende Verhängnis abzuwenden.

Maos Falle

Was skeptische Besucher befürchteten, ist eingetreten: Die von Mao Tse-tung eingeleitete Kampagne zur „Korrektur der Arbeitsmethoden“ – das Eingeständnis möglicher „Widersprüche zwischen Volk und Partei“ – hat sich als das herausgestellt, was das kommunistische Parteiorgan von Peking jetzt mit fröhlichem Zynismus eine Falle nannte, „um alle jene zu fangen, die es gelüstet, die Macht an sich zu reißen“.

Isotope als Muster ohne Wert

Mancher macht sich Sorgen wegen radioaktiver Gefahren, die durch die im Aufbau befindlichen Atommeiler für Forschungs- und Versuchszwecke entstehen können.

Mit Paragraphen erschlagen

Nach dreitägiger Verhandlung verurteilte die Dritte Große Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts den 48jährigen ehemaligen Geschäftsführer der „Bruderhilfe Ost“, Heinrich Hübenthal, wegen Untreue zu hundert Mark Geldstrafe.

Geschichte von Vasco

Wenn man – wie in München – eine süperbe Inszenierung von „Nach Damaskus“ (Kammerspiele) und eine gute Aufführung von „Ostern“ (Residenztheater) erlebt hat, dann wird einem erst wieder so recht klar, wie doch ein großer Teil aller heute angebotenen Dramatik nichts ist als billige Konfektion aus der Firma „August Strindbergs illegitime Erben“.

Zum Tode Richard Mohaupts

Es ist schon unheimlich, wie der Tod unter den geistigen Arbeitern und speziell unter den namhaften Musikern unserer Tage aufräumt.

Festspiele auf Rädern

Die Ruhrfestspiele haben sich aufgemacht in die Hauptstädte des deutschen Theaters und zeigen dort augenblicklich Goethes „Iphigenie“.

Schlangen waren ihm lieber

Webb. Er hieß eigentlich anders, aber Heini sagte, er müßte Herr Webb heißen. Rein äußerlich betrachtet war Herr Webb ein Mensch wie jeder andere.

ZEITMOSAIK

Um den versiegten Touristenstrom wieder nach Ägypten zu lenken, will die staatliche Fremdenverkehrsverwaltung den Besuch der Pyramiden durch den Einbau elektrischer Rolltreppen in die Königsgräber verlockender und angenehmer machen.

„Verkannte Kunst“ in Recklinghausen

Das Thema der diesjährigen Ruhrfestspiel-Ausstellung „Verkannte Kunst“ (Kunsthalle Recklinghausen, geöffnet bis zum 31. Juli) ist von den Veranstaltern wohl absichtlich auf historische Fälle beschränkt worden: um dem an sich schon bitteren Resümee die aktuelle Schärfe zu nehmen.

Neue Sckallplatten:: Ein Fehlurteil wird korrigiert

Igor Strawinskij, dessen fünfundsiebzigsten Geburtstag wir vor kurzem feierten, hat vor etwa fünf Jahren eine abendfüllende Oper mit dem Titel The Rake’s Progress – Der Weg eines Wüstlings – komponiert.

Tibet mit Widersprüchen

Unter dem reichen Angebot von Büchern, die sich in Europa mit der Mystik des Ostens befassen, fordern im Augenblick zwei unsere Aufmerksamkeit heraus.

Im Rausch der Mystik und des Mescalins

Der Zeitroman teilt meist das Schicksal seiner Zeit: er ist ihr Spiegelbild und verblaßt mit ihr. Aber während sie unwiederbringlich schwinden muß, kann er menschliche Gültigkeit behalten und als historisches Bild wiederkehren.

Juanas allerchristlichster Seemann

Emil Beizners erstes Buch, die Verserzählung „Die Hörner des Potiphar“ (1924), war so gewagt in der Behandlung des pikanten biblischen Sujets, daß es – im avantgardistischen Verlag Paul Steegemann, Hannover – nur in einer Anzahl numerierter Exemplare für einen bestimmten Personenkreis erscheinen konnte.

Er hält’s mit Keller

Die Neue Zürcher Zeitung ist ein Blatt der „Distanz“ und weit über das Land hinaus berühmt durch ihre ausgezeichnete Berichterstattung.

Glückliche Leser – arme Leser

Wie dürftig sind wir dran mit unserer westdeutschen Buchproduktion, die ins fast Unübersehbare gestiegen ist und die bei der jährlich ausgestoßenen Menge von Lektüre nur eines vom Leser fordert: Lesen, lesen, lesen.

Mit Zigeunern durch die Welt

Zigeuner – dieses Wort erzeugt sogar in unserer verarmten Phantasie recht aufregende Bilder von Kindesverschleppung, Kartenschlagerei, abgefeimtem Gaunertum und geheimnisvollem Hexenzauber.

Den Pfennig ehren – aber nicht zu sehr

Bei einem korrekten Menschen kommt es wohl niemals vor, daß er bei der Begleichung einer Schuld ein paar Pfennige einspart – also statt 25,32 Mark etwa nur 25,30 Mark überweist.

Hamburg: Der gebrochene Sorgenbrecher

Das Geld liegt auf der Straße – man muß nur Ideen haben, sagte sich ein Mann in Hamburg, mietete einen Büroraum und klebte ein Riesenplakat an das Fenster, auf dem die Passanten folgendes lesen konnten: „Haben Sie Sorgen, ganz einerlei – ich brüte aus das Kuckucksei! Ich berate Sie in allen Lebenslagen und nehme Ihnen alles ab.

Ecke Großer Trampgang

Eine Frau in blauer Kittelschürze, Einwohnerin der schmalen Gasse Großer Trampgang im Gängeviertel Hamburgs, erhebt sich vom Wohnzimmerstuhl, auf dem sie vor der Haustür gesessen hat, geht die drei oder vier Schritte, die der Große Trampgang breit ist, begibt sich – leise, wie man in Kamelhaarschuhen eben geht – noch einige Meter weiter und bleibt an der Ecke der Brüderstraße vor einem Kellereingang stehen.

Berlin: Lufthansa, Ost

Die sowjetzonale Lufthansa hat jetzt den Inlandflugdienst für Mitteldeutschland aufgenommen, nachdem bisher nur ausländische Strecken beflogen wurden.

Wüste Bauten...

Bei ihren krampfhaften Bemühungen, wenigstens wirtschaftlich im Ausland Ansehen zu gewinnen, scheinen einige politökonomische Experten aus Sowjetdeutschland neuerdings Wüsten als geeignetes Betätigungsfeld anzusehen.

Ein Gesetz, das mit zweierlei Maß mißt

Vom 1. Januar 1958 an wird das „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ gelten. Seine Verabschiedung im Bundestag ist ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft und bedeutet die Anerkenntnis der Überlegenheit der Wettbewerbswirtschaft gegenüber allen anderen Ordnungen.

Preiskampf Kohle gegen Öl

Im großen internationalen Geschäft der Grundrohstoffe bleiben überraschende Entwicklungen nicht aus, wenn, wie z.B. im Falle Kohle, der Endpreis für den Verbraucher im hohen Grade von den Transportkosten, in diesem Falle von den Überseefrachtraten, bestimmt wird.

Ist Lincoln vergessen?

Auf der Hauptversammlung eines weltbekannten Berliner Unternehmens der chemischen Industrie zitierte ein Vorstandsmitglied dieser Tage Abraham Lincoln: „Nichts ist für immer geregelt, wenn es nicht gerecht geregelt ist.

Auf einen Blick...

Eine vom Emnid-Institut für Verbrauchsforschung durchgeführte Befragung über die Einstellung der Bevölkerung zu Ratenkäufen hat bemerkenswerte Ergebnisse gebracht.

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