Es ist schon unheimlich, wie der Tod unter den geistigen Arbeitern und speziell unter den namhaften Musikern unserer Tage aufräumt. Kaum ist die Nachricht von dem grausigen Ende des hochbegabten Schweizer Komponisten Robert Oboussier verklungen, da erscheint der Name eines anderen bedeutenden Tonsetzers auf der Totenliste, der erst kürzlich einen bemerkenswerten Premierenerfolg erleben durfte.

Richard Mohaupt, dessen Operneinakter „Zwillingskomödie“ zusammen mit seinem Ballett „Der Weiberstreik von Athen“ Mitte Mai im Badischen Staatstheater zu Karlsruhe herauskam, stand noch im besten Lebensalter. Niemand hätte vermutet, daß er, 53 Jahre alt, so bald schon aus einem unermüdlichen schaffensfreudigen Leben abberufen werden sollte.

Der Tod dieses vitalen Musikanten schlesischer Herkunft bedeutet für das Musikschaffen der Gegenwart insofern einen besonders beklagenswerten Verlust, als Mohaupt eine rühmliche Ausnahme bildete: er teilte nicht jene so verhängnisvolle modische Kunstauffassung, die eine sogenannte „ernste“ und eine sogenannte „Unterhaltungsmusik“ unterscheidet. Wobei nicht nur wortspielerische Bosheit festzustellen hat, daß die „Unterhaltungsmusik“ von keinem ernsten Menschen mehr ernst genommen wird und die „ernste“ nachgerade niemanden mehr unterhalten kann.

Richard Mohaupt war nicht der Meinung, seriöse Kunst sei ein Reservat für eingeweihte Eliten, der übrigen Menschheit hingegen sei sentimentaler oder obszöner Kitsch angemessen. Er war ein Vollblutkünstler, dem es als selbstverständlich galt, daß auch die höchste Kunst nicht auf starre Resonanz verzichten könne. Ein glückliches schöpferisches Naturell erlaubte ihm immer wieder, die richtige Synthese von gesunder Einfallskraft, kunstvoller Arbeit und wohlbedachter Wirksamkeit zu finden. Gerade an dieser Kombinationsfähigkeit fehlt es heute weithin.

Übrigens ist diesem Künstler, der trotz mancher Lebenserschwernisse doch immer von einem guten Stern geleitet war, sogar die sechzehnjährige Emigration zum Glück ausgeschlagen. Denn auf amerikanischem Boden konnte seine musikantische Anlage sich gewiß viel unbefangener und darum fruchtbarer ausleben, als ihm das vielleicht in einem mehr Und mehr versnobten Europa gestattet gewesen wäre, wo das programmatische Schlagwort längst mehr gilt als die ungebrochene Potenz. Darum hatte Mohaupts Wiedererscheinen (1955) so etwas Erfrischendes. Deshalb wirkten die umgearbeitete, einst verbotene „Wirtin von Pinsk“, die „Bremer Stadtmusikanten“ und die beiden Karlsruher Novitäten so ermutigend für das zeitgenössische Musiktheater.

Die letzte Oper, an welcher der Komponist auf seinem Landsitz am Semmering arbeitete, heißt „Der grüne Kakadu“ (nach Schnitzler). Sie wäre ein interessanter Beitrag zu den Literaturopern, die in diesem Jahr allenthalben zur Diskussion stehen. Es sollte aber nicht vergessen werden, daß Richard Mohaupt auch für den Konzertsaal eine Anzahl ausgezeichneter Vokal- und Instrumentalwerke geschrieben hat, die geeignet sind, den unterscheidungslosen Abscheu des Publikums vor der Musik der eigenen Epoche überwinden zu helfen. Walter Abendroth