Unsere Rundfunkanstalten ziehen – laut Gesetz – alle ihre Kräfte aus dem Lande, und der Landschaft, in denen ihre Sendetürme stehen. Sie strecken ihre Programmwurzeln tief in jene Boden, bis zum Grundwasser der schwäbischen, hessischen, bayerischen, rheinländischpfälzischen Kulturströme, und die norddeutschen Rundfunkwellen vereinen gar die schöpferischen Kräfte von Niedersachsen, Schleswig-Holsteinern und Hamburgern (ausgeschlossen Bremern), um Gesicht und Stimme, Geist und Bild der Kulturlandschaften (auf Grund von Staatsverträgen) einwandfrei zu dokumentieren.

Allerdings soll man einem solchen föderalen Rundfunk keine Engstirnigkeit vorwerfen. Das wäre falsch. Der Intendant des Südwestfunks stammt beispielsweise aus Schlesien, der des Süddeutschen Rundfunks aus Sachsen; im Norddeutschen Rundfunk residiert ein Ostpreuße und im Hessischen Rundfunk ein Westfale; den Berliner Sender leitet ein Bremer und den Bremer Sender ein Thüringer. Das läßt doch wirklich nicht darauf schließen, daß man einem Kulturpartikularismus verfallen ist.

So wahr die obenstehenden Feststellungen sind, so wahr könnten die nachfolgenden Vorgänge sich einmal abspielen. Nehmen wir einmal an, es käme ein Fernsehmann aus China oder Südamerika, um uns eine große Sendereihe anzubieten. Zu wem wird er gehen? Er hat nämlich festgestellt, daß es kein deutsches Fernsehzentrum gibt, wie es zum Beispiel die BBC in London ist.

Also wird er zunächst zur größten Rundfunkanstalt gehen. Das ist der Westdeutsche Rundfunk in Köln, in dessen Bereich fast die Hälfte aller Fernsehteilnehmer wohnen. Der Intendant des Westdeutschen Rundfunks wird ihm höflich lächelnd erklären, daß er mit Fernsehfragen nichts zu tun habe, denn diese Sachen würden alle bei seinem Kollegen in Hamburg bearbeitet.

Also fährt unser Mann nach Hamburg. Dort wird ihm der Intendant des NWRV eröffnen, daß in dieser Programmfrage der derzeitige Koordinator zuständig sei, und der wohne in München.

Mit großem Dank reist unser Mann nach München und fragt: „Herr Intendant...“ Er wird darauf aufmerksam gemacht, daß er keinem Intendanten, sondern nur einem Direktor gegenübersitzt; dieser hört ihm gut zu und meint, es würde nützlich sein, wenn er diese Frage auch mit dem Vorsitzenden des Fernseh-Programmbeirates bespräche. Und der wohne in Stuttgart.

Also reist unser Mann nach Stuttgart, läßt sich melden und beginnt: „Herr Direktor ...“, worauf er erfährt, daß er mit einem Oberkirchenrat spricht. Dieser aber könne ihm leider wegen der nur beratenden Funktion seines Gremiums nicht weiterhelfen, es sei denn, daß der Mann den Vorsitzenden der Deutschen Fernsehkommission befragen wolle. Der wohne in Frankfurt am Main.