Fast 60 Millionen Fernsehteilnehmer in aller Welt machen heute Gebrauch von der Entdeckung eines deutschen Wissenschaftlers, der schon vor 50 Jahren zeigte, wie man mit einem damals nur wenigen Fachleuten bekannten physikalischen Apparat nicht nur einzelne Bilder elektrisch übertragen, sondern sogar fernsehen konnte. Als junger Assistent arbeitete Professor Max Dieckmann, der vor kurzem 75 Jahre alt wurde, am physikalischen Institut der Universität Straßburg unter Professor Ferdinand Braun, einem der Begründer der deutschen Funktechnik. Braun hatte 1897 die später nach ihm benannte Kathodenstrahlröhre entwickelt, mit der es gelang, kurzzeitige Vorgänge wie beispielsweise die Momentanwerte eines elektrischen Wechselstroms trägheitslos in Form einer leuchtenden Kurve aufzuzeichnen.

Am 8. Juni 1906 bewiesen Max Dieckmann und sein Mitarbeiter Dr. Glage mit einem „Zweischlittenapparat“ – übrigens sehr gegen den Willen Professor Brauns, der solche Anwendungen für unwissenschaftlich hielt – die Eignung der Kathodenstrahlröhre als Bildschreiber: Beliebige Bewegungen eines Zeichenstiftes auf der Sendeseite, selbsttätig in entsprechende elektrische Stromwerte umgewandelt, ließen sich auf dem Bildschirm der Empfängerröhre formgetreu reproduzieren und photographisch abbilden.

Ein Jahr später konnte Dieckmann auf Grund dieser Vorarbeiten den ersten elektrischen Fernseher mit rein elektronischer Wiedergabe verwirklichen, der heute im Deutschen Museum in München steht: Die Wechselströme zweier Generatoren verschiedener Frequenz führten den Kathodenstrahl der Braunschen Röhre zehnmal in der Sekunde in 20 dicht nebeneinanderliegenden Zeilen über den Bildschirm, so daß – nach heutigem Sprachgebrauch – ein Raster von 400 Bildpunkten entstand. Da es noch keine Verstärker für Photozellenströme gab, eigneten sich als fernzusehende Objekte nur Metallschablonen beliebiger Form, die zehnmal in der Sekunde von 20 spiralförmig angeordneten Kontaktbürsten einer rotierenden Scheibe galvanisch abgetastet, wurden. Das nutzbare Bildfeld war nur drei mal drei Zentimeter groß. Solange eine Bürste die Scheibe berührte, floß ein kräftiger Bildstrom aus einer Batterie zum Empfänger und blendete dort den Kathodenstrahl magnetisch aus. Es entstand also auf dem hellen Raster ein dunkles Schattenbild des Objekts.

Man muß die damalige erfinderische Leistung Dieckmanns um so höher werten, als das Fernsehen zu jener Zeit in wissenschaftlichen Kreisen etwa ebenso hoch im Kurs stand wie das Perpetuum mobile. Als Dieckmann, der sich 1911 an der Technischen Hochschule München habilitiert hatte, 1913 eine Vorlesung über drahtloses Fernsehen ankündigen wollte, protestierte der Senat dagegen. Dieckmann mußte die Vorlesung umbenennen in „Fernübertragungseinrichtungen hoher Mannigfaltigkeit“; das wurde genehmigt. 1925 zeigte Professor Dieckmann auf der Münchener Verkehrsausstellung eine vervollkommnete photoelektrische Fernsehanlage, die natürlich auch mit der Braunschen Röhre als Bildschreiber arbeitete. Am 5. April 1925 erhielt er zusammen mit seinem damaligen Assistenten Dr. Hell ein Patent auf eine „Lichtelektrische Bildzerlegerröhre für Fernseher“, die 1936/37 in einer von dem Amerikaner Farnsworth verbesserten Form als Aufnahmeröhre verwendet wurde.

Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit Professor Dieckmanns lag allerdings auf einem ganz anderen Gebiet: Schon vor dem ersten Weltkrieg hatte er sich als Mitarbeiter des Grafen Zeppelin Verdienste erworben um die Erforschung luftelektrischer Erscheinungen am Luftschiff Uta um den Einbau von Funkanlagen in die hochfeuergefährlichen Zeppeline. Dank seiner Arbeiten war keiner der zahlreichen Unfälle in der Luftschiffahrt auf „Funken“ der Funkanlage an Bord zurückzuführen. Nach dem ersten Weltkrieg beschäftigte sich Professor Dieckmann in seiner „Drahtlostelegraphischen und luftelektrischen Versuchsstation“ Gräfelfing vor allem mit Problemen der Flugfunk-Peiltechnik, der Fernlenkung und der Übertragung von Wetterkarten auf dem Funkwege. 1936 wurde er zum Direktor des Instituts für Radiotechnik und Flugfunktechnik an der Technischen Hochschule München ernannt. Zwei Jahre später gründete er das Flugfunkforschunginstitut Oberpfaffenhofen, heute eine Abteilung der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Nach dem zweiten Weltkrieg folgte er einem Ruf nach USA, mußte jedoch ein;r schweren Erkrankung wegen 1950 wieder nah Gräfelfing bei München zurückkehren. Trotz seiner eminenten technischen Begabung ist Max Dieckmann alles andere als ein Ingenieur in des Wortes enger Bedeutung. Gerhart Goebel