Von losef Müller-Marein

Es mag ein literarischer Zug im Charakter der gegenwärtigen Komponisten sein, der sie verlockt, sich Stoffen’zuzuwenden, die in der Bühnergeschichte bereits ihren Platz haben. Es mag auch ein Sicherheitsbedürfnis sein: der Stoff hat sich bereits bewährt, vielleicht schon seit Jahrhundeiten; man gibt Musik hinzu, am besten illustrative Musik. Und was kann dann noch fehlen?

Gemach! So einfach, wie dies böse Kritiker vorauswitterten, haben der Komponist Rolf Liebermann und sein Librettist Heinrich Strobel es sich nicht gemacht, als sie Molières Komödie L’École des Femmes zum Vorwurf ihrer Oper Die Schule der Frauen wählten.

In der heutigen, der librettistenarmen Zeit ist Heinrich Strobel eine kostbare Rarität: exzellenter Kenner und Analytiker der modernen Musik, zugleich aber auch ein Schriftsteller, der dort, wo er sich erwärmt und begeistert, mehr als nur einen Hauch von Poesie verströmt; mit den einen Fuß steht er auf dem Acker der Wissenschaft, mit dem anderen im Garten der Kunst.

Strobel ist einer jener kraftvollen Mittler-Typen, die heutzutage so selten sind: als Förderer moderner Kunst ein „Kontaktmann“ (im allerbesten Sinne dieses neuen Wortes) zwischen den Künstlern und Gelehrten Europas, zumal denen defranzösischen und denen der deutschen Kulturwelt

Wie stark diese Mittler-Kraft in ihm wirkt, wird besonders schön durch seinen neuen Operntext für Liebermann bewiesen: Da leuchten Komik, Humor und Geist Molières; da wallt der prunkvolle Faltenwurf des Barock und wird sogleich reflektiert durch den überscharfen, verkleinernden Spiegel heutiger Sicht. Ja, es herrscht nicht selten Parodie, aber doch nie so, als wollte der moderne Librettist dem alten Dichter plump vertraulich auf die wohlausstaffierten Schulternklopfen: „Brav gemacht, alter Knabe.“ Keineswegs. Strobel hat durchaus nicht Reste von der üppigen Tafel des berühmten Dichters aufgesammelt, um seinem Freunde, dem Komponisten Liebermann, ein altes Gericht auf neuem Tische zu servieren.

Schon der erste Auftritt bringt eigenen Witz zur Zündung: Molière tritt hervor, ein kräftiger Mann in der bunten Eleganz seiner Zeit; er will sehen, was diese jungen Leute aus seiner Komödie gemacht haben. Er wird respektvoll behandelt, auch wenn das Personalverzeichnis ihn nur unter seinem bürgerlichen Namen Poquelin anführt. Er darf in die Handlung eingreifen, wo es ihm paßt, und also in seinem eigenen Stück auftreten, wie er’s vor mehr als 300 Jahren getan. Und eben dadurch ergeben sich vielfältige Spiegelungen, die den alten Stoff bereichern und doch bloß eine Bedeutung haben: dem Komponisten Gelegenheit für die verschiedensten Musikformen und Ausdrucksstimmungen zu geben.