Gustav Hilger ist ununterbrochen von 1918 bis 1941 in Moskau gewesen, erst für das Rote Kreuz und dann seit 1923 bei der Deutschen Botschaft. Er ist in Moskau geboren, ging dort zur Schule und hat außer den Jahren seines Studiums, die er in Deutschland verbrachte, immer in Rußland – erst im zaristischen, dann im sowjetischen – gelebt. Hilger hat von Tschitscherin über Litwinow bis zu Molotow alle sowjetischen Außenminister gekannt; hat Lenin und die alten Kämpfer des Bolschewismus immer wieder aus nächster Nähe erlebt. Von Mikojan schreibt er in seinem Buch „Wir und der Kreml“, das 1955 erschien, er sei der angenehmste Partner gewesen, mit dem er in der Sowjetunion zu tun gehabt habe. Wir haben Gustav Hilger gebeten, uns ein Bild Mikojans zu entwerfen, dessen Name immer wieder fällt, wenn von einer möglichen Ablösung Bulganins gesprochen wird.

Um die Bedeutung der jüngsten personellen Veränderungen in der Führungsspitze der Sowjetunion in ihrem vollen Umfange zu erkennen, muß man sich die Tatsache vergegenwärtigen, daß nach der Beseitigung von Molotow und Kaganowitsch aus dem Präsidium des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Nachfolgeorganisation des Politbüros) Anastas Iwanowitsch Mikojan – abgesehen von Woroschilow, dem nominellen und nur repräsentativen Staatsoberhaupt der UdSSR, – die einzige Persönlichkeit ist, die dem Politbüro schon zu jener Zeit angehört hat, als diese Körperschaft noch durchweg aus alten Kämpfern Leninscher Prägung bestand.

Im Jahre 1895 in einem entlegenen Dorf Armeniens geboren, absolvierte Mikojan im Jahre 1915 das armenische Priesterseminar in Tiflis, was ihn jedoch nicht daran hinderte, unmittelbar danach der Bolschewistischen Partei beizutreten und sich 1917 aktiv an revolutionären Straßenkämpfen in Baku zu beteiligen, bei denen er schwer verwundet wurde. Im Jahre 1918 gelang es ihm, durch einen glücklichen Zufall mit dem Leben davonzukommen, als sechsundzwanzig seiner bolschewistischen Komplicen in Krasnowodsk von englischen Interventionstruppen vors Kriegsgericht gestellt und erschossen wurden. Ein Jahr später machte Mikojan von sich reden, als er den später auch in Deutschland in seiner Eigenschaft als Volkskommissar für die Schwerindustrie bekanntgewordenen Georgier Grigorij Ordshonikidse mit eigener Lebensgefahr aus den Händen der „Weißgardisten“ rettete. 1920 beteiligte er sich mit Erfolg an der Niederwerfung der sogenannten „Arbeiteropposition“, die zu jener Zeit dem Regime Lenins nicht unerhebliche Schwierigkeiten Bereitete.

Der nach außen sichtbare Aufstieg Mikojans begann mit seiner Aufnahme in das Politbüro (1926 in der Eigenschaft eines „Kandidaten“, 1935 als ordentliches Mitglied) sowie mit seiner Ernennung zum Volkskommissar für Handel und Lebensmittelversorgung. In einem Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Moskau, Graf Brockdorff-Rantzau, konnte sich Mikojan damals – 1926 – mit Recht der Tatsache rühmen, dem Lebensalter nach der „jüngste Minister“ in der ganzen Welt zu sein. Nikita Chruschtschow, geboren 1894, wurde erst im Januar 1938 mit 44 Jahren als „Kandidat“ ins Politbüro aufgenommen.

In seinen jungen Jahren genoß Mikojan den Ruf, daß er zwar langsam denke, dafür aber um so schneller handle, wem er einen Entschluß gefaßt habe. Die weitere Entwicklung Mikojans zeigt, daß es ihm im Läufe der Jahre gelungen ist, sich auch die Kunst des schnellen Denkens anzueignen. Diese Gabe – im Verein mit Humor, Geschmeidigkeit des Charakters und hervorragender Eignung zur Meisterung auch der schwierigsten wirtschaftlichen Probleme – verschaffte Mikojan, wie sonst keinem seiner Kollagen, die Achtung und das Vertrauen seiner ausländischen Verhandlungspartner. Unter diesen bildeten die Amerikaner keine Ausnahme, denen er durch Sachkenntnis und Entschlußfreudigkeit zu imponieren verstand, als er sich im Jahre 1936 in den USA aufhielt, um die amerikanische Lebensmittelindustrie zu studieren und den Einkauf der für die Entwicklung dieser Branche notwendigen Maschinen zu tätigen.

Im übrigen aber ist ihm, dem Armenier, die Begabung für wirtschaftliche Dinge angeboren. Im alten zaristischen Rußland kursierte ein angeblich aus Konstantinopel stammendes Sprichwort: „Ein Grieche hat das Zeug in sich, drei Juden zu prellen, aber es bedarf nur eines Armeniers, um drei Griechen hereinzulegen!“ Bei welchen Gelegenheiten Mikojan diese Art von Begabung im einzelnen unter Beweis gestellt hat, kann unerwähnt bleiben, Tatsache jedoch ist, daß ihm in dieser Beziehung keiner von den alten Bolschewisten gleichkam und daß er auf wirtschaftlichem Gebiete dem Sowjetregime in einschlägiger jahrzehntelanger Tätigkeit große Dienste geleistet hat.

Es bedarf ferner der ausdrücklichen Feststellung, daß Mikojans Geschmeidigkeit sowie seine Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse einer jeweiligen Verhandlungssituation sich nicht allein auf wirtschaftliche Fragen beschränken. Er hat, wie jetzt deutlich geworden ist, es verstanden, sich einem Mann wie Chruschtschow auch bei der Behandlung von außen- und innenpolitischen Problemen unentbehrlich zu machen. So ist es kein Zufall, daß Mikojan es war, dem anläßlich des XX. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Aufgabe zufiel, den ersten entscheidenden Vorstoß gegen den Stalinschen „Persönlichkeitskult“ zu unternehmen, einen Vorstoß, der sich durch weise Beschränkung in den Formulierungen vorteilhaft von den Eskapaden Chruschtschows unterschied, mit denen dieser später sowohl die Welt als auch die öffentliche Meinung in der Sowjetunion in Erstaunen versetzte.

Ein zusätzlicher Grund, weshalb Chruschtschow es sich angelegen sein läßt, Mikojan zu halten und zu fördern, scheint der Umstand zu sein, daß letzterer, angesichts der Sympathien, die er im In- und Auslande genießt, wirkungsvoll als Aushängeschild für die „Koexistenz“-Politik der Sowjetregierung benutzt werden kann. Eine Politik, bei der nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen kann, daß sie von der Sowjetregierung nur aus zeitweilig bedingten Zweckmäßigkeitserwägungen und als Mittel zur Erringung einer Atempause betrieben wird. Zum Beweis hierfür bedarf es nicht einmal einer Berufung auf Dmitrij Manuilskij, den ehemaligen Vorsitzenden des Vollzugsausschusses der Kommunistischen Internationale (Komintern), der bereits im Jahre 1931 auf das Jahr genau eine Entwicklung vorausgesagt hat, deren wir seit ein paar Jahren Zeugen sind. Im Lichte vorstehender Tatsachen muß die Gefahr gesehen werden, die Mikojan als Persönlichkeit für die freie Welt darstellt.

Gustav Hilger