Andernach

Nun ist es bald soweit: Zum erstenmal werde ich einer Partei beitreten. Denn endlich ist mir der Weg klar, der Weg zum Völkerfrieden und zur Gerechtigkeit, zum Gemeinwohl und zur Freiheit überall. Und es müßte mit dem Kuckuck zugehen, wenn diese Partei nicht eine ganz neue, eine bessere Welt schaffen würde. Diese Partei sagt in ihrem Verfassungsentwurf:

Art. 6: Die Austragung von Streitfragen unter den Völkern mit nackter Gewalt, unter den heutigen Verhältnissen, halten wir für viel zu kostspielig, um uns überhaupt damit zu befassen. Bündnisse und Pakte im heutigen Sinne wird es überhaupt nicht mehr geben. Es wird deshalb nur noch Vereinbarungen geben, die restlos auf gegenseitigem Vertrauen gebaut sind."

Art. 43: Aufgabe der Wähler ist es, diese besten Deutschen aus ihrem Kreis auszusuchen, damit die richtigen Leute in die richtigen Stellungen kommen, denn was kein Volksführer sein könnte, dafür hat das Volk einen feinen Instinkt. Das kennt schon die Leute, die weder ein Tier noch einen Menschen quälen können und die offene und ehrliche Charaktere ohne Hinterlist sind."

Art. 54: Zwecks weitgehender Ausmerzung von schmarotzerhaften Gesellschaftsschichten, die die Drohnen des Volkes darstellen, die vom Schweiße ihrer Mitmenschen leben, wird eine, je nach ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechende Drohnensteuer eingeführt."

Die Auszüge stammen aus der Verfassung der "Partei der guten Deutschen". Und dieser Tage bin ich nach Plaidt bei Andernach am Rhein gefahren, wo in der Hauptstraße 21 der Bundesführer August Unger residiert, der im Zivilleben Besitzer einer Bimsgrube und dreier Lastzüge ist. Der sah mir lange tief in die Augen und drückte mir fest die Hand und sagte: "Kommen Sie als Freund oder Feind?" Darauf konnte ich natürlich nicht antworten – kannte ich doch weder die Partei noch ihren Bundesführer. Das sah der Mann denn auch ein. Freilich hat er allen Grund, der Presse zu mißtrauen: "Was die über uns schreiben, ist alles pure Gehässigkeit." Was die böse Presse schreibt, ist an der linken Ward der Bundeskanzlei in roter Schrift auf zitronengelben DIN-A-1-Plakaten zu lesen. Die Freiheit (Mainz): Ein neuer Führer ist erstanden. Die Schwäbische Donauzeitung (Ulm) zitierte "angebliche" Bandesführerworte: "Nur Jesus Christus könnte uns entthronen." Rheinischer Merkur: Adolf II.

Aber der "Rheinische Merkur" tippt falsch. Daß Bundesführer August Unger seine Schreibmaschine mit braunem Farbband versah und für schwarzweißrot schwärmt, ist reiner Zufall: "Schwarz-rot-gold ist keine schöne Farbe."