g.d., Detmold

Varus, Varus, gib mit meine Legionen wieder!“ rief Kaiser Augustus im Jahre 9 n. Chr. verzweifelt aus. Er rief es vergebens: die römischen Legionen waren von den Truppen Hermanns des Cheruskers aufgerieben worden, und Varus hatte sich nach der vernichtenden Niederlage ins eigene Schwert gestürzt. Zum Gedenken an die Schlacht im Teutoburger Wald hat die Nachwelt in der Nähe von Detmold auf einem 30 Meter hohen Sockel ein 26 Meter hohes Standbild des noblen Hermann errichtet, zu dem von weither die Schulklassen pilgern.

Freilich: die Wissenschaft zweifelt schon lange daran, daß die Schulklassen zum historischen Schlachtfeld wallfahrten. Im Teutoburger Wald – darin scheint sie sich einig zu sein – hat die Schlacht im Jahre 9 gewiß nicht stattgefunden. Erst 1631 wurde das Osning-Gebirge auf Grund vager Vermutungen in Teutoburger Wald umbenannt. Der zuletzt in Leipzig wirkende Altertumsforscher Prof. Schulz nahm als tatsächliche Kampfstätte das südliche bis mittlere Wesergebiet an. Insgesamt aber sind zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Historikern 30 verschiedene örtlichkeiten als Varusschlachtfeld bezeichnet worden...

Nun hat Anfang dieses Jahres der Bauhistoriker und Diplomingenieur Dr. Walther Pflug den Anspruch erhoben, das authentische Varusschlachtfeld gefunden zu haben (vgl. DIE ZEIT, Nr. 9/1957). In seinem Buch „Media in Germania“ (Verlag Franz Schröter Gießen-Rödgen) versuchte er den Nachweis zu führen, daß das Hermannsschlachtfeld im Tautenburger Wald, einem Gebiet zwischen Leipzig, Merseburg und Jena, zu suchen sei. Dort will er den Grabhügel der 20 000 bis 30 000 gefallenen römischen Legionäre gefunden haben; ein etwa 1000 Kubikmeter großer Erdaufwurf sei von Spezialisten einwandfrei als Leichenerde identifiziert worden. In seinen Werbedrucken verhieß der Verlag, daß Pflugs Buch „die Rekonstruktion eines alle bisherigen Hypothesen umstoßenden realistischen Geschichtsbildes vorlegt, die in der Geschichtswissenschaft eine wahrhafte Kettenreaktion auslösen wird. Selbst das kleinste Schulgeschichtsbuch wird geändert werden. müssen ...“

Die Kettenreaktion ist indessen ausgeblieben. Die Wissenschaftler zweifeln im Gegenteil Pflugs Theorien an. Ein Kolloquium, zu dem die Abteilung Geschichte des Altertums im Institut für Allgemeine Geschichte an der Leipziger Universität vor kurzem den Dr. Pflug eingeladen hatte, verlief ebenfalls nicht sonderlich ergiebig. Der Leipziger Dozent Dr. Thierfelder, dem Pflugs Hermannsschlachtfeld praktisch vor der Tür liegt, sagt über den Verlauf der Unterredung: „Sie hat keine wesentlichen Ergebnisse gezeitigt. Der Referent hielt sich leider an die literarischen Textstellen (Tacitus, Sueton, Valleius, Paterculus usw.) und ging auf seine Ausgrabungen nicht ein. Man kann also nach wie vor zu der ganzen Frage recht skeptisch eingestellt sein.“

Mit der Änderung der Schulgeschichtsbücher ist es also noch nicht so weit. Das Hermannsdenkmal braucht nicht um der historischen Gerechtigkeit willen zersägt, über die Zonengrenze geschmuggelt und drüben im Tautenburger Wald wieder zusammengekittet zu werden. Schulklassen werden weiterhin zu ihm pilgern und aus dem Munde ihres Lateinlehrers den Klageruf des Augustus vernehmen. Doch selbst wenn Dr. Walther Pflug mit seiner Theorie durchdringen und der Tautenburger Wald eines Tages auf dem Verordnungswege zum einzig authentischen Schlachtfeld erklärt werden sollte – ob ihm nicht graut vor dem Verzweiflungsschrei der Autobusunternehmer, Verkehrsvereine, Ansichtskarten-, Stocknägel- und Cola-Verkäufer in der Umgebung Detmolds: „Walther, Walther, gib uns unseren Hermann wieder“?