Selbstporträt eines Abtrünnigen (II)

Der Krieg ging weiter, als wir 1938 aus Spanien nach Paris zurückkamen. Es folgte der Pakt von München, die Kapitulation vor dem Rasenden von Berchtesgaden, die Auslieferung der Tschechoslowakei und in unserem engeren Bereich das Scheitern des Versuchs einer Volksfront der deutschen Emigration unter Führung Heinrich Manns.

Schon in einem von mir treulich verwahrten und geretteten handschriftlichen Brief vom 25. Oktober 1937 hatte Heinrich Mann an einen sozialdemokratischen Politiker geschrieben: „Ihre Mitteilungen vom 23. Oktober zeigen mir, daß Ulbricht tatsächlich eine eigene Volksfront, die ihm unterstehen soll, ins Werk setzen möchte. So ungern ich Mitglieder der deutschen Opposition als Gegner ansehe, einige wollen es offenbar nicht anders. Ich bin daher gegen eine Zusammenberufung des Gesamtausschusses, solange U. als Hauptvertreter oder auch nur als ein Vertreter seiner Partei dort erscheinen darf ...“ (Andere handschriftliche Briefe Heinrich Manns mit noch schärferen Äußerungen über Ulbricht sind in meinem Besitz.)

Heinrich Mann klagt Ulbricht an

In einem Gespräch, das wir im Herbst 1938 nach einer Sitzung des schon auseinanderberstenden Volksfrontausschusses führten, erklärte mir Heinrich Mann vertrauensvoll, daß die Urschuld am Mißlingen der Einigung in den Machenschaften Walter Ulbrichts zu suchen sei (der nach Zerschlagung des Schriftstellerverbandes und der Einheitsfrontorganisationen bereits wieder nach Moskau zurückgekehrt war; ich selber habe ihn in Paris nicht mehr angetroffen, bin ihm – bezeichnenderweise – auch niemals mehr persönlich begegnet). Heinrich Mann sagte: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“

Daran habe ich mich viel später, wenn der Ruf, vielmehr das Schlagwort: „Deutsche an einen Tisch!“ erscholl, mit Beklemmung wieder erinnert. Deutsche an einen Tisch! Ja, ja, tausendmal ja. Aber was die meinten, die diesen verführerischen Ruf plakatierten, das war: Ihr sollt über die Köpfe des deutschen Volkes hinweg mit uns Apparatschiks kuhhandeln. Zu den hundertfältigen „Deutschen Begegnungen“, „Deutschen Gesprächen“, „Gesamtdeutschen“ Tagungen, Sitzungen, Ausschüssen, wurden stets nur die Commis Voyageurs der Apparate entsandt, mit bindender Marschroute, befehligt von Leuten, die zumeist kein richtiges Deutsch sprechen, geschweige-denn deutsch denken können.

Ich ging mit dem Erlös aus dem in der Schweiz verkauften Teil der Auflage meines in Madrid veröffentlichten ersten Spanien-Buches: Tschapajew, das Bataillon der 21 Nationen und dank eines mir von Thomas Mann und Hubertus Prinz zu Loewenstein vermittelten Stipendiums in einen kleinen Ort im Süden Frankreichs, um mein spanisches Tagebuch aus dem Manuskript in Buchform zu bringen. Dort „überraschte“ uns der Krieg, von dem wir wußten, daß er kommen mußte.