Von Gerhard F. Krämer

Der Angriff auf das Leben gekrönter Häupter oder führender Staatsmänner hat in der geschichtlichen Beurteilung – je nach dem politischen Standpunkt des Betrachters – die unterschiedlichsten Wertungen erfahren. Sie reichen von der Verherrlichung des Tyrannenmörders bis zur buchstäblichen Zerfleischung des Attentäters am Tatort – wie am 9. Oktober 1934 in Marseille nach der Ermordung König Alexanders von Jugoslawien und des französischen Außenministers Barthou geschehen. Der Standpunkt des Rechtes gegenüber allen emotionalen Betrachtungsweisen jedoch erschöpft sich in dem klaren Satz: Mord bleibt Mord.“ Diesem Leitgedanken folgt auch die jetzt erschienene „kriminalwissenschaftliche Studie zum politischen Kapitalverbrechen“:

Hans Langemann: „Das Attentat.“ Verlag Kriminalistik in Hamburg, 384 S., 86 Abb., 22 DM

Aus der Publikationsreihe des rührigen Verlags ist diese Arbeit zweifellos eine der wertvollsten. Sie erhebt begründeten Anspruch nicht nur auf das Interesse des Kriminalisten, Juristen, Historikers und Politikers, sondern des gebildeten Lesers schlechthin. Mit Fleiß und wissenschaftlicher Akribie wurde ein Berg von Material zusammengetragen. Das Literaturverzeichnis enthält 240 Titel, darunter umfangreiche Sammelwerke. Zahllose Belegstellen des Textes beweisen die gewissenhafte Auswertung.

Die schier unermeßliche Fülle der einschlägigen Kasuistik zwang zur Beschränkung. Im Kernpunkt steht daher die lückenlose Darstellung der Attentate des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland – bis in die heutige Zeit, und zwar einschließlich des unaufgeklärten Sprengstoffanschlages auf den Bundeskanzler und des abgeurteilten Sprengungsversuchs des Bundesverfassungsgerichts.

Vergleichsweise werden typische Fälle aus der französischen, russischen und amerikanishen Attentatsgeschichte geschildert. Auch diese Reihe ist von brennender Aktualität – bis zum portorikanischen Revolverüberfall im amerikanischen Parlament am 1. März 1954 und zum Sprengstoffanschlag auf den Straßburger Polizeipräsidenten vom 18. Mai 1957, dem dessen Ehefrau zum Opfer fiel. Der Fall ist noch nicht aufgeklärt.

Die Vielzahl der Fälle zwingt zum Vergleich mit der weltgeschichtlichen Erscheinung des Attentats schlechthin. Mit Grauen und Erschütterung wird dem Leser bewußt, in welch hohem Grade die endlose Reihe politischer Morde durch Jahrhunderte in die Geschichte der Völker eingegriffen hat.

Als vornehmstes Beispiel weltpolitischer Auswirkung des Attentats wird der Mord von Sarajewo nach Planung, Ausführung und Hintergründen erschöpfend geschildert. Erregend ist die Darstellung des Mordes als Instrument der Geheimbünde von den deutschen und französischen Anarchisten über die russischen Nihilisten bis zum Treiben der sowjetischen Tscheka und der Organisation Consul im Weimarer Nachkriegsdeutschland.

Naturgemäß wendet sich das Interesse in erster Linie der Person des Attentäters und seinen Beweggründen zu. Hier blättert der Autor eine reichhaltige Typologie auf. Sie reicht vom reinen Idealisten wie Carl-Ludwig Sand, der den Schriftsteller Kotzebue erdolchte, über die aus reinen politischen Motiven Handelnden wie die Männer des 20. Juli, über die „Landsknechte“ der Organisation Consul zu den Verworrenen und Wahnsinnigen (Attentatsversuche auf Kaiser Wilhelm I.). Aber auch das rein kriminelle Element fehlt nicht. An Beispielen anarchistischer Mordtaten wird gezeigt, wie die politisch gemeinte „Propaganda der Tat“ als Deckmantel für unterweltige Taten aus reiner Mordgier benutzt wurde.

Was die Technik des Attentats anlangt, so ist man erstaunt, daß die Entwicklung der Feuerwaffen und Explosionsstoffe den direkten Angriff mit Hieb- und Stichwaffen seit Cäsars Zeiten nicht ausgerottet hat. Als Beispiele werden unter anderem aufgeführt: Sand–Kotzebue, Caserio–Sadi Carnot, Luccheni–Kaiserin Elisabeth, Mercader–Trotzki.

Weitaus größeren Raum nehmen freilich die Schußwaffen- und Sprengstoffverbrechen ein. Alle Anschläge auf Kaiser Wilhelm 1. und Bismarck wurden von Pistolenschützen ausgeführt, ebenso die mißlungenen und geglückten Attentate gegen insgesamt sechs Präsidenten der USA. Während der Giftmord in der Geschichte des Attentas zurücktritt – selbst der vornehmlichste Fall Jussupoff–Rasputin endete wegen mangelnder Wirkung des Giftes durch Pistolenschüsse –, spielen Bombenattentate die weitaus größere Rolle. Aus der Zahl der geschichtlichen Fälle ragen die Ermordung Alexanders II. von Rußland, die beiden mißglückten Anschläge auf Hitler und das Heydrich-Attentat hervor.

Soweit der Verfasser seinem in der Einführung erwähnten Vorsatz, das Geschehen objektiv zu schildern und die Auswertung auf die kriminalistische Erkenntnis zu beschränken, treu geblieben ist, bleibt seine Arbeit überzeugend; Nur wo er – glücklicherweise selten – der Versuchung zu politischen Wertungen erlegen ist, erweckt er Bedenken und Widerspruch. Der hinsichtlich des 20. Juli zwar naheliegende Ausflug in das juristisch und moral-theologisch schwierige Gebiet des Widerstandsrechts wäre besser unterblieben.

Befremdlich wirkt die Verwendung des Zweizeilers des braven Reimers Georg Herwegh „alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, der dem Autor, aus, dem Zusammen- – hang gerissen, dazu dient, „in klarer Eindringlichkeit Wesen und Inhalt der schweren politischen Kriminalität“ zu umreißen. Völlig unzureichend ist der Versuch, die historische Persönlichkeit Walter Rathenaus dem Leser näherzubringen. Und mindestens mißverständlich wirkt die psychologische Erklärung des Kullmannschen Attentats auf Bismarck nicht aus der Atmosphäre des Kulturkampfes und der „Maigesetze“, sondern aus „der politischen Richtung“ der Zentrumspartei und der katholischen Gesellenvereine. Wenn der Verfasser zutreffend die Gewalttaten des Unrechtsstaates vom Begriff des Attentats scheidet und demzufolge nicht behandelt, so setzt er seine Formulierung, der „politische Massenmord offizieller Prägung“ erfahre „mit zunehmender Ausdehnung eine zunehmende Legalisierung“, der Gefahr schwerster Mißdeutung aus.

Als letztes ein Wort zu Sprache und Stil. Wenn das Buch sich von Anfang bis Ende fesselnd liest, so ist das ein Verdienst der spannenden Ereignisse, nicht der Schreibkunst des Verfassers. Es bleibt unerfindlich, warum unsere qualifizierten Fachmänner es geradezu darauf anzulegen scheinen, der Wirkung ihrer inhaltlich ausgezeichneten Schriften durch ein aufgedunsenes Papierdeutsch zu schaden. Fast auf jeder Seite „tut“ der Autor irgendeiner Sache „Erwähnung“, wobei der erwähnte Umstand, wie’s gerade trifft, mal richtig im Genitiv, mal falsch im Dativ erscheint. Dem auf seinem Fachgebiet so trebsamen Verlag wäre die Verpflichtung eines philologisch geschulten Lektors dringend anzuraten.