Professor Albert Hahn setzt hier seine Analyse der währungspolitischen Situation fort. Hahn, einer jener seltenen Geld- und Währungsexperten, die in der Praxis als Bankier und Börsenfachmann ebenso kompetent sind wie als Theoretiker, ist Universitätsprofessor und Autor zahlreicher Bücher. Er hat die Exiljahre in New York verbracht und lebt jetzt in Frankreich. In dem nachstehenden außerordentlich interessanten Artikel weist er nach, daß es heute nicht um die Entscheidung gehe: Aufwertung der D-Mark oder Abwertung der schwachen Währungen, weil jede starre Fixierung der Wechselkurse vom Übel sei. Er meinte, das unbewegliche Festhalten an bestimmten Paritäten über lange Zeiträume hinweg sei ebenso anachronistisch wie die Postkutsche im Zeitalter der Flugzeuge.

Seit die Überzeugung, daß die heutigen Währungsparitäten völlig unrealistisch sind, allmählich Allgemeingut geworden ist, konzentriert sich die Diskussion auf die Frage, ob die Änderung durch Aufwertung der Mark oder Abwertung der schwachen Währungen erfolgen soll. Diese Diskussion betrifft meines Erachtens einen außerordentlich unwichtigen Punkt. Die dauernden Ermahnungen der anderen, Deutschland möge aufwerten, und der Deutschen, die anderen sollten gefälligst abwerten, erscheint mir reichlich platonisch. Denn es gilt eine Art von währungspolitischer Relativitätstheorie. Es kommt nämlich nur auf die Währungsrelationen an, und es ist gleichgültig, ob die Vergrößerung des Abstandes durch Heraufsetzung der einen oder Heruntersetzung der andern hergestellt wird.

Aber, wendet mancher ein, die D-Mark ist ja gegenüber der Währung des Dollarraums gar nicht überwertet, so daß eine deutsche Aufwertung die Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik gegen den Dollarraum unnötiger- und unzulässigerweise verschlechtere, während etwa eine Pfundabwertung die Handelsbeziehungen Deutschlands mit dem Dollarraum ungestört lasse und nur die Position des Pfundes gegen Mark und Dollar verbessere. Das Argument geht fehl. Zwar ist die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik gegenüber dem Dollarraum ohnehin passiv, aber es kommt nicht darauf an, wie ein Land einem einzelnen anderen Land gegenüber steht, sondern, solange es einen multilateralen auswärtigen Handel gibt, kommt es darauf an, wie es allen anderen Ländern in ihrer Gesamtheit gegenüber steht. Es ist einerlei, wie sich Aktivität und Passivität, aus denen sich der Saldo zusammensetzt, auf die einzelnen Länder verteilen.

Nun ist es aber die Bundesrepublik und nicht die Länder des Dollarraums, die sich über die Aktivität ihrer Zahlungsbilanz und die aus ihr folgende importierte Inflation beklagt und unter ihr leidet. Wenn die deutsche Bilanzaktivität herabgemindert werden soll, so muß dies gegenüber der Gesamtheit des Auslandes geschehen, was im vorliegenden Falle bedeuten würde, daß die deutsche Zahlungsbilanz sich nicht nur gegenüber den schwachen Ländern entaktivieren, sondern auch gegenüber dem Dollarraum weiter, passivieren müßte. Gerade dies würde eine Aufwertung bewirken.

Man bilde sich auch nicht ein, daß eine Passivierung der deutschen Zahlungsbilanz durch Abwertung der schwachen Währungen – statt durch Aufwertung der Mark – die Handelsbeziehungen der Bundesrepublik zum Dollarraum unberührt lassen würde. Jede Abwertung einer Währung gegenüber der Gesamtheit der andern ruft Verschiebungen im Handel zwischen jenen anderen Staaten hervor, weil die sogenannte Elastizität der Nachfrage nach Importgütern in den verschiedenen Ländern nicht die gleiche ist. Eine Abwertung des Pfundes und die aus ihr folgende Erhöhung der Exportfähigkeit Englands würde höchstwahrscheinlich dazu führen, daß England auf den Märkten des Dollarraums und nur in geringem Umfange auf den deutschen Märkten der deutschen Industrie Konkurrenz machen würde. Die Folge wäre, daß sich die Passivierung der deutschen Zahlungsbilanz in der Hauptsache durch Verringerung der deutschen Exporte nach dem Dollarraum vollziehen, also genau das Ergebnis zeitigen würde, das man für den Fall der Aufwertung der Mark befürchtet und weswegen man die Abwertung der schwachen Währungen propagiert.