Die Firma Henschel & Sohn GmbH in Kassel ist in Schwierigkeiten geraten. Dazu haben eine Reihe widriger Umstände beigetragen. Das entschuldigt an sich nichts; es gehört nun einmal zu den Funktionen eines Unternehmen, diese rechtzeitig zu ahnen und ihnen aus dem Weg zu gehen. An solchen Unternehmerqualitäten aber hat es bei Henschel, bis zum Augenblick noch ein reines Familienunternehmen, seit langem gemangelt. Es liegt in der Natur eines vor Familieneinflüssen beherrschten Unternehmens, daß bei den höchsten geschäftlichen Entschlüssen nicht immer nur rein kommerzielle Erwägungen eine Rolle spielen. Bei Henschel kam hinzu, daß heute die Inhaberfamilie von einem Manne repräsentiert wird, der bei der Auswahl seiner leitenden Mitarbeiter nicht immer eine glückliche Hand hatte und der offenbar vor allem nicht die Fähigkeit besaß, wirklich bedeutende Persönlichkeiten, wie sie wiederholt an der Spitze des Werkes standen, an das Unternehmen auf lange Zeit hin zu binden. Der Verschleiß von Vorstandsmitgliedern war bei Henschel über alle Maßen groß. Deshalb ist es zu einer Kontinuität in der Geschäftsführung nicht gekommen. Impulsiv getroffene Entscheidungen mußten von Henschel wiederholt revidiert werden, weil die an sie geknüpften Erwartungen ausblieben. Das gilt vor allem im Falle der in der Nachkriegszeit erworbenen Waggon- und Maschinenbau GmbH (WUMAG) in Hamburg, die über ihre Schiffsmotorenfertigung zu einer besseren Ausgestaltung des einseitigen Fabrikationsprogrammes des Kasseler Werkes führen sollte. Die WUMAG aber brachte keinen Gewinn, vielmehr in die Millionen gehende Verluste.

Das zu schmale Fabrikationsprogramm war schon... immer eine wunde Stelle bei Henschel. In den Rüstungsjahren wurde es durch die Aufnahme einer Rüstungsproduktion ausgeweitet, nach dem Zusammenbruch war Henschel dagegen wieder im wesentlichen auf den Bau von Lokomotiven und schweren Lastkraftwagen angewiesen. Sicherlich, Lokomotiven brauchen kein schlechtes Geschäft zu sein. Die Entwicklungsländer bauen ihre Eisenbahnnetze erst aus und kaufen zum Teil, wie z. B. Südafrika, auch heute noch in großer Zahl Dampflokomotiven, weil sie unter bestimmten Voraussetzungen wirtschaftlichen sind als Diesel- und Elektroloks, die im übrigen auch von Henschel gebaut werden. Aber der Wettbewerb auf den internationalen Märkten ist groß. Ein bedeutender indischer Lokomotivauftrag konnte nur zu sehr gedrückten Preisen hereingenommen werden. Mit Gewinnen rechnete man bei ihm von Anfang an nicht, sondern nur mit einer Beschäftigung des Werkes. Die Nachkalkulationen aber ließen Verluste in Höhe von mehreren Millionen erkennen. Das hat Henschel schwer getroffen, zumal sich auch das Geschäft in schweren Lastkraftwagen schlecht anließ. Sicherlich haben Maßnahmen über Maße und Gewichte der Lkw hierzu wesentlich beigetragen, die man in der Kfz-Industrie lange Zeit noch zu ändern können glaubte. Aber auch ohne Seebohm hätten sich die Dinge ungünstig entwickelt. Die Lastkraftwagenindustrie hat 1955 die Absatzmöglichkeiten überschätzt. Es wurden Überkapazitäten geschaffen und mehr schwere Lastkraftwagen gebaut, als der Markt aufnehmen konnte. Jedenfalls vermochte Henschel seine Produktion nicht voll abzusetzen: Zu einer Produktionseinschränkung aber kam es im rechten Augenblick nicht. So stehen heute große Lastkraftwagen in einem Gesamtwert von 12 Mill. DM auf dem Hof, die zunächst nicht verkauft werden können.

Es zeigt sich – und das gilt ganz allgemein und keineswegs nur für Henschel –, daß die deutsche Industrie nur in der Expansion, nicht aber für eine unter Umständen notwendig werdende Kontraktion elastisch ist. Das kann uns künftighin noch viel zu schaffen machen. Jedenfalls hat diese Unbeweglichkeit bei Henschel dazu geführt, daß die Vorlieferanten infolge leerer Kassen jetzt nicht mehr pünktlich zu ihrem Gelde kommen. Verluste werden sie voraussichtlich nicht erleiden, einem längerfristigen Moratorium aber können sie in einem Vergleichsverfahren kaum ausweichen.

Das, was jetzt zu geschehen hat, um das für den nordhessischen Raum lebenswichtige Unternehmen zu erhalten, zeichnet sich ab. Der Familie Henschel ist der Einfluß auf das Unternehmen weitgehend genommen. Sie wird überdies für die entstandenen großen Kapitalverluste eintreten müssen. Ohne eine erhebliche Zusammenlegung des Stammkapitals und ohne Zuführung neuer Mittel ist eine Sanierung wohl nicht möglich. Weiter wird Henschel alles abstoßen, was nicht unbedingt gehalten werden muß, so vor allem die in den Rüstungsjahren gebaute Werkanlage Altenbauna bei Kassel. Für sie interessiert sich das Volkswagenwerk. Kassel ist heute, nach dem Malheur von Henschel vielleicht noch mehr als bisher, ein interessanter Platz. Hier gibt es nämlich noch Facharbeiter.

Weiter denkt man daran, und zwar schon seit einiger Zeit, Henschel aus der durch den Familienbetrieb gegebenen Isolierung herauszunehmen und das Werk in einen Konzern einzubauen, weil dieser größere innere Ausgleichsmöglichkeiten hat und daher nicht so empfindlich gegen Konjunkturrückschläge ist. In diesen Bemühungen sind möglicherweise durch die jüngsten Ereignisse Verzögerungen eingetreten, die man hoffentlich schnell wieder einholen kann. Für den Augenblick aber kommt es darauf an, über die Tagesschwierigkeiten hinwegzukommen. Hierzu sollen Bürgschaften des Landes Hessen und des Bundes beitragen. Der vorliegende Auftragsbestand rechtfertigt eine solche Hilfe durchaus. W. R.