Von Willy Wenzke

Die am Donnerstag vergangener Woche unter Teilnahme von Bundespräsident Prof. Heuss von Prof. Erhard eröffnete 38. Internationale Automobil-Ausstellung beweist durch den ungewöhnlich starken Besuch aus dem In- und Ausland die ungestillte Sehnsucht breitester Volksschichten nach einem vierrädrigen Fortbewegungsmittel. Bis zum Sonntagabend, wenn die von Pferdestärken, Chrom und Lack erfüllten Hallen des Frankfurter Messegeländes ihre Pforten schließen, können diese Wünsche an Ort und Stelle realisiert werden. Das "Sortiment" umfaßt vom USA-Traumauto, dem Edsel von Ford, weitere amerikanische sowie britische, französische, italienische, schwedische, tschechische Typen und natürlich alle deutschen Konstruktionen bis hinunter zum Kleinstwagen. Allerdings mit Einschränkungen, weil einige mit viel Propagandaaufwand zur Schau gestellte Kleinwagen bundesdeutscher Provenienz "erst später" – also im Sommer oder Herbst nächsten Jahres – lieferbar sein werdet. Und darum ist der an sich so glanzvolle Frankfurter Auto-Salon mit kleinen Schönheitsfehlern behaftet, die den "good will" der Autoaspiranten strapazieren.

Schon lange vor Beginn der Automobilausstellung stand es fest, daß in den Frankfurter Messehallen vor allem unter den Kleinwagenherstellern diesmal ein besonders harter Wettbewerb ausgetragen werden würde. Den Reigen der Neuheitentermine, der viele Wochen vor dem Frankfurter Salon angelaufen war, hatten allein drei Firmen aus der notleidenden Zweiradindustrie verstärkt; von ihnen waren zwei Kleinwagenkonstruktionen und eine Weiterentwicklung präsentiert worden, mit denen sie ihre durch das Schrumpfen des Zweiradabsatzes freigewordenen Kapazitäten ausfüllen möchten. Zu den traditionellen Kleinwagenproduzenten, den Lloyd-Werken in Bremen, dem Goggomobilwerk in Dingolfing und dem Maicowerk in Pfäffingen, kam dann aber noch als weiterer Wettbewerber der BMW-Kleinwagen, von dem sich seine Münchener Initiatoren im Zuge der bundesrepublikanischen Motorisierungswelle eine zu Buch schlagende Umsatzbelebung versprechen.

Das alles war bereits vor Beginn der Automobilausstellung bekannt. Aber schon damals wurde der Mut bewundert, mit dem die vielen neuen Kleinwagenhersteller an die Vorbereitungen gingen, um möglichst ein recht großes Stück aus dem Kleinwagenkuchen für sich zu reservieren. Das "Reservieren" ist hier in der Tat wörtlich zu nehmen; denn die meisten Neukonstruktionen können – abgesehen von zwei Unternehmungen mit bescheidenen Ausstoßzahlen – erst im Frühjahr oder gar erst im Sommer 1958 in Serie gehen.

Was soll das?

Dafür werden die Automobilanwärter allenfalls noch Verständnis haben, weil es heute ja auch bei den Produzenten der größeren Wagenklasse und ebenfalls der Mittelklasse Lieferfristen von mehreren Monaten gibt; außerdem besteht bei den angebotenen Kleinwagentypen die Gewähr, daß sie aus dem Stadium der Versuche heraus sind. Mit einem Kopfschütteln aber nimmt der kritische Besucher der Frankfurter Ausstellung noch einen weiteren Ansturm von Kleinwagenmodellen zur Kenntnis, bei denen es sich – wieder wörtlich zu nehmen – buchstäblich nur um "Modelle" handelt, und für die wohl die auf der Automobilausstellung abgeschlossenen Lieferverträge entscheiden sollten, ob sich eine Serienfertigung überhaupt lohnen wird ...

Was soll es, daß uns der bisher dreirädrige Messerschmitt-Kabinenroller nun auch noch als "Sportwagen" mit vier Rädern und für zwei Personen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h präsentiert wird? Was soll es, daß uns Georg von Opel mit einer einsitzigen "Mopetta" überrascht, die mit ihrem 48-ccm-Motörchen und ihren drei Rädern höchstens 45 km/h schafft und – sollte sie mit ihrer eiförmigen Kunststoffkarosserie und dem primitiven Kunststoffregendach für 1050 DM jemals in Serie gehen – unsere traurigen Straßenverhältnisse noch trauriger machen wird? Was soll es, daß die doch sonst so vernünftigen Männer der Düsseldorfer Auto Union gleich zwei Wagen zur "Schau" stellen – den "Kleinen DKW" mit einem 660-ccm-Zweitakt-Motor für "etwas über 4000 DM" und ein Luxus Coupé mit 980 ccm für 11 950 DM, wenn sie nicht sagen können, wann und ob überhaupt die Serienproduktion dieser beiden Prototypen anlaufen wird? Und was soll es schließlich, wenn nun auch bisher recht erfolgreiche Kleinwagenproduzenten ihrer eigenen Devise untreu werden, sich langsam in die unteren Bereiche der Mittelklasse hineintasten oder gar Sportwagen herausbringen? Wir meinen das "Goggomobil" mit dem 600-ccm-Motor und das "Maico"-Sport-Cabriolet; beide "sollen" ab Sommer nächsten Jahres lieferbar sein.