Jean Sibelius, Finnlands großer Komponist, ist in Ainola gestorben. Längst hat die Musikwissenschaft sein Schaffen eingeordnet: Als nach den Höhepunkten der deutschen Klassik und Romantik in den übrigen europäischen Ländern ein eigenständiges, vom Volkstum genährtes Musikschaffen sich entfaltete – Grieg wirkte in diesem Sinne in Norwegen, Smetana in Böhmen, Mussorgskij in Rußland –, blieb Finnland zunächst noch außerhalb dieser Bestrebungen. Bis Jean Sibelius erschien: ein Genie, den die Bahnen der deutschen musikalischen Spätromantik dazu führten, die Seele seines, des finnischen Volkes, in Tönen sprechen zu lassen; ein Gründer und Vollender zugleich. Was indessen die musikalische Welt beschäftigte, war die Frage: Warum schweigt Sibelius? Nach Jahrzehnten vulkanhaft eruptiver Produktion hat er Jahrzehnte hindurch kein neues Werk der Öffentlichkeit vorgelegt, und während all dieser Zeit sagten Menschen, die ihm nahestanden, Sibelius arbeite, jedoch nur "für sich selbst". Vielleicht wird die Frage nun geklärt. Bisher waltete ein Tabu, das Sibelius nicht angetastet wissen wollte, als unser Mitarbeiter Gösta v. Uexküll ihn vor wenigen Jahren in Ainola aufsuchte.

In das Haus, das Jean Sibelius sich vor fünfzig Jahren an einem der vielen tausend Seen Finnlands baute und nach seiner Frau Aino "Ainola" nannte, ist der Tod eingezogen. Im fast vollendeten 92. Lebensjahr hat der Hausherr seine irdische Wohnstätte mit der ewigen vertauscht.

Vor einem so erfüllten Leben – erfüllt an Werken wie an Jahren – schweigt die Trauer und macht der Ehrfurcht und der Dankbarkeit Platz. Sibelius selbst hätte es jedenfalls so empfunden: Warum den Abend beweinen oder den Herbst? Er liebt: die Sonnenuntergänge und den herbstlichen Sdiwingenschlag der wilden Schwäne. "Manchmal fühle ich mich selbst als Seevogel", sagte er zu mir, als ich ihn vor nunmehr zwölf Jahren kurz vor seinem 80. Geburtstag in Ainola besuchte. Er sagte "Seevogel", nicht "Schwan", obwohl die Schwäne des Nordens noch wild und natürlich sind und keine eitlen Ziervögel. "Sie werden schon verstehen, was ich meine", sagte Sibelius, und sein Gesicht, sonst wie Runen in Granit, strahlte Liebenswürdigkeit und Wärme aus. Sibelius liebte es, mehr anzudeuten als auszusprechen. Aber er konnte auch auf präzise Fragen sehr präzise Antworten geben ...

Jahre zuvor, mitten in den schicksalsschweren hundert Tagen des finnischen Winterkriegs, hatte ich ihn brieflich gefragt: "Gibt es auch für einen Künstler so etwas wie eine ‚gerechte Sache‘ und kam er mit seinem Werk zu ihrem Sieg beitragen?" Drei Tage darauf kam folgende Antwort: "Ich glaube wohl an die ethische Wirkung eines Kunstwerks, doch darf sich der Künstler ihrer nie bewußt sein. Jean Sibelius." Kein Philosoph oder Dichter hätte es prägnanter sagen können.

Aber bei meinem Besuch in Ainola wollte ich etwas anderes erfahren: Gab es von Sibelius eine Achte Symphonie? Und wenn es sie nicht gab – jahrzehntelang hatte Sibelius keine Komposition mehr aus der Hand gegeben –, warum gab es sie nicht? War alles, was sich von Ainola aus in Musik sagen ließ, schon gesagt? Außerdem fragte ich Sibelius, ob er je daran gedacht habe, seine Ansichten, seine Lehre, seine Erfahrungen niederzuschreiben? Seine Antwort war: "Alles ist in meiner Musik."

"Alles, auch – die Ewigkeit?" fragte ich. Sibelius parierte mit einem Strindberg-Zitat: "Ewigkeit ist ein Augenblick"; und als ich eigensinnig etwas später zu dem gleichen Punkt zurückkehrte, sagte er: "Ich möchte mich nicht decouvrieren."

Damit war freundlich, aber bestimmt eine Grenze gesetzt. Ich begriff, daß eine direkte Frage nach der Achten Symphonie ganz entschieden jenseits der Grenze gewesen wäre...