Wie sehr Aktien auch in einer guten Wirtschaftskonjunktur Risikopapiere geblieben sind, demonstriert jetzt der Fall Siemens-Glas, über den wir ausführlich auf Seite 14 berichten. Es liegen eben nicht alle Unternehmen auf der Sonnenseite allgemeiner Aufwärtsentwicklung; außerdem ist menschliches Versagen niemals auszuschließen. Glücklicherweise ist die Liste der nach dem Krieg insolvent gewordenen Aktiengesellschaften noch nicht sehr lang. Immerhin ist sie eindrucksvoll genug, um die Risiken sichtbar werden zu lassen, die der viel gelästerte Aktionär auch in der "sozialen Marktwirtschaft" auf sich zu nehmen hat. Dieser Mut zum Wagnis wird in normalen Zeiten mit einer Verzinsung seines Kapitals belohnt, die höher ist als das Zinsniveau bei den Renten. Wenn diese gesunde Relation immer noch nicht wieder hergestellt werden konnte, dann liegt es an dem Ausnahmezustand auf dem westdeutschen Kapitalmarkt, der durch eine sehr angreifbare Kapital- und Steuerpolitik länger als notwendig aufrechterhalten wird. Jetzt ist es an der Zeit, gesundere Verhältnisse zu schaffen.

Inhaber festverzinslicher Wertpapiere gewesen zu sein, war in den vergangenen Jahren alles andere als eine reine Freude. Die sich nachträglich als unglückselig erwiesene Koppelung von Steuerfreiheit und Steuerbegünstigung mit dem Erwerb von Rentenwerten führte zu unechten Verhältnissen und mündete in einem "grauen Markt", von dem wir uns auch heute noch nicht völlig haben befreien können. Denken wir an die sechsprozentigen Pfandbriefe, die man zu 94 v. H. ausgab, obgleich sie "hintenherum" zu 80 v. H. und noch billiger angeboten wurden. Ähnlich lag es bei den fünfprozentigen (zinssteuerfreien) Pfandbriefen. Sie wurden zu 100 v. H. emittiert – und es dauerte nicht allzu lange, da notierten sie 88 v. H. Auf 1000 DM hatte der Pfandbriefsparer also 120 DM eingebüßt. Aber wir haben schon in einigen vorausgegangenen "Gesprächen am Bankschalter" darauf hingewiesen, daß der Verlust erst effektiv wurde, wenn der Pfandbrief tatsächlich zu den ungünstigen Kursen veräußert worden ist. Für alle, die in der Lage waren zu warten, erschienen in diesem Frühjahr zum erstenmal wieder günstige Perspektiven. Inzwischen sind die Kurse bis auf 92 v. H. gestiegen, und diese Entwicklung wird – wenn nicht alles täuscht – weitergehen. Mit der Rückzahlung der fünfprozentigen Bundesanleihe am 1. Dezember 1957 (500 Mill. DM) setzt der Aussterbeprozeß der fünfprozentigen steuerfreien Werte ein, die für bestimmte Verdienergruppen sehr viel interessanter sind, als die hochverzinslichen Emissionen, deren Zinsen nach dem Einkommen- bzw. Körperschaftssteuertarif versteuert werden müssen. Fällt nun ein großer Block aus, dann werden die übrigen um so begehrenswerter.

Nun ist es aber keineswegs so, daß die fünfprozentigen Pfandbriefe etwa sofort an die Stelle der jetzt auslaufenden Bundesanleihe treten werden. Der Nachteil der Pfandbriefe ist ihre lange Laufzeit von 40 und mehr Jahren. Gesucht werden aber zunächst steuerfreie Rentenwerte mit einer kürzeren Laufzeit. Dazu zählt vor allem die fünfprozentige Lastenausgleichsanleihe von 1953, deren Kurs innerhalb weniger Monate – von 90 auf 98 5/8 v. H. stieg. Da sich kaum Stücke dieser Anleihe in den Händen von Sparern befinden, braucht sie uns hier nicht weiter zu interessieren. Mit einem ähnlichen Aufschwung wie bei den Papieren mit kürzerer Laufzeit kann bei den Pfandbriefen schon allein deshalb nicht gerechnet werden, weil erhebliche Posten im Besitz von Kapitalsammelstellen sind, die wahrscheinlich darauf brennen, ihre Stücke gegen höherverzinsliche tarifbesteuerte Emissionen umzutauschen. Der Zins dieser Serien kommt ihnen voll zugute, weil die Kapitalsammelstellen den Kapitalzins nicht zu versteuern brauchen. Dennoch: wer warten kann, sollte auch zu den jetzigen Kursen noch an seinen Pfandbriefen festhalten. Das gilt insbesondere auch für die siebeneinhalbprozentigen Papiere (mit 30prozentiger Kapitalertragssteuer), bei denen die Auslosungen bald einsetzen. Diese Emissionen wurden zu 96 v. H. ausgegeben und notieren jetzt, bei etwa 93 v. H. Mit Näherrücken der Auslosungen ist ein sicherer Kursgewinn zu erwarten.

Auch zu dem jetzt schon etwas angestiegenen Kurs von rund 77 v. H. bleiben die vierprozentigen Altsparer-Pfandbriefe noch ein interessantes Anlagepapier. Die Zinsen sind ebenfalls steuerfrei. Die laufende Effektivverzinsung stellt sich bei einem Kaufpreis von 77 v. H. auf 5,3 v. H. Da diese Emissionen voraussichtlich durch Auslosung zu 10 v. H. in den Jahren 1958 bis 1979 nach dem Lastenausgleichsgesetz und Altsparergesetz getilgt werden, ergibt sich eine mittlere Laufzeit von etwa elf Jahren. Unter Berücksichtigung des Rückzahlungsgewinns von 23 v. H. erhöht sich also die Rendite auf mindestens 7,1 v. H. Auch sie ist für jeden privaten Sparer steuerfrei. Geduld wird also hier ebenfalls belohnt.

Wer auf Zinssteuerfreiheit keinen Wert zu legen braucht, fährt gegenwärtig noch immer mit den hochverzinslichen Industrieanleihen, Pfandbriefen und insbesondere den achtprozentigen Schiffspfandbriefen am besten. Der begrenzte Markt für Schiffspfandbriefe schließt allerdings ähnliche Bewegungen wie bei den achtprozentigen Industrieobligationen von Unternehmen mit klingenden Namen aus. Bei den Schiffspfandbriefen ergibt sich eine mittlere Laufzeit von sechseinhalb Jahren; der Ausgabekurs liegt bei rund 98,5 v. H. Ähnlich günstige Bedingungen lassen sich auch heute noch bei einigen Stadtanleihen und Emissionen städtischer Betriebe erreichen, die etwas am Rande des Marktes für Achtprozenter liegen. Industrieanleihen mit einem Kurs von 100 v. H. und darüber sollten für den Normalsparer nicht in Frage kommen. Wer Emissionen besitzt, die bereits über 103 v. H. hinaus gestiegen sind, könnte sogar überlegen, ob ein Verkauf nicht ratsam ist. In diesem Falle kann eine gewisse Beweglichkeit auch für den Rentenbesitzer günstig sein. K. W.