Bonn, Ende September

Jeder, der den Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß kennt, weiß, daß er sich durchzusetzen versteht. So hätte auch der millitärische Personalchef des Ministeriums wissen müssen, daß der Minister sich nicht leicht von einem Untergebenen zu Entscheidungen drängen läßt, die seinen Vorstellungen widersprechen. Noch weniger konnte dieser Chef, Brigadegeneral Müller-Hillebrand, erwarten, daß Strauß ein Mann sei, der eine Brüskierung ruhig hinnimmt. Zum Rapport bestellt, ging der General nach 30 Minuten weg, weil er ein längeres Wirten im Vorzimmer des Ministers mit seinem militärischen Prestige nicht für vereinbar hielt.

Nun, Zivilcourage ist eine schöne Sache, gar an einem Offizier. Aber Unbesonnenheit und Ungeduld sind etwas anderes. Gewiß: "Man soll sie billig hören alle beede." Und dazu wird im Verteidigungsausschuß des Bundestages noch Gelegenheit sein. Vielleicht wird man den Fall erst dann richtig beurteilen können. Immerhin, der Umstand, daß der Minister schon die ersten Versuche zu einer Doppelspurigkeit in der Personalpolitik seines Hauses unterdrückte, hat unsere Sympathie. Es darf in Deutschland nicht wieder dahin kommen, daß ein General von sich sagen kann: "Die Reichswehr steht hinter mir." Selbst die Seeckts wachsen nicht von heute auf morgen zu solcher Macht. Und den Grundsatz von Vorrang der Politik vor den militärischen Belangen sollten wir uns nicht verfälschen und trüben lassen.

Freilich erhebt sich die Frage, ob Strauß nicht gut daran getan hätte, den Eklat zu vermeiden. Mußte denn die Ablösung des Personalchefs unbedingt von der Aura der Sensation umgeben werden? Und da im Offizierskorps natürlicherweise Korpsgeist herrscht – warum konnte nicht auch darauf Rücksicht genommen werden? General Mül-Ier-Hillebrand schwieg bisher und zeigte gerade durch sein Schweigen gute Haltung, wo doch die Öffentlichkeit gern erfahren hätte, ob es wahr ist, daß er seine Absetzung erst durch die Zeitung, nämlich die "Frankfurter Allgemeine", erfuhr...

Niemand kann Strauß die Verantwortung für sein Amt abnehmen, und so ist es wahrscheinlich, daß er – "im Grundsatz", wie wir Deutschen gern sagen – richtig und gut getan hat. Aber ebenso wahrscheinlich ist das andere: Strauß tat des Guten zuviel... R. S.