Wer nahe der Küste lebt, dem sind diese Jungen vertraut, die Jungen von jenem Schlage, wie sie auf der "Pamir" fuhren. Deren Schicksal rührt jetzt das Herz aller Deutschen an, die davon lesen oder hören. Auf dem Atlantik griff der Wirbelsturm nach ihnen. Der Tod ging über die See. Aber es denke keiner, daß diese Jungen, als sie zur Großen Fahrt an Bord des weißen Schiffes gingen, nur von fröhlichem Abenteuer träumten.

Abend vor der Ausfahrt. Hafengeruch. Kräne, riesig groß und doch von ungewissen Linien in der nebeligen Luft. Und der Junge, der am Kai steht und zu seinem Schiff hinübersieht, zu dessen Besatzung er sich voller Stolz zählt, er hat nicht das bilderbuchhafte Vorfreudelächeln. Er schaut auf sein Schiff – er so klein, das Schiff so groß –, er blickt mit verlegenem Ausdruck. Am frühen Morgen oder schon in der Nacht wird das Schiff die Anker lichten. Und er, der Schiffsjunge, wird fröhlich sein, kein Passagier, der lässig an der Reling lehnt und wartet, bis er irgendwo ankommt, nein, ein Besatzungsmitglied mit bestimmten Aufgaben, ein Teil des Schiffes. Und daß er fährt, hat seinen Sinn in der Fahrt selbst, umgeben von der See, dem Wind, den Wolken.

So im Angesicht der Abreise gibst du dem Jungen die Hand, sein Lächeln scheint gleichmütig oder überlegen. Aber wenn du dich beim Weggehen noch einmal umwendest und zurückblickst, siehst du, daß er ein anderes Gesicht hat. Ein neues Gesicht–vielleicht nur für Sekunden. Und du weißt: Dies Gesicht wird er haben, wenn er einige Jahre älter geworden sein wird ...

Er fühlt voraus, was ihm später zur Gewißheit wird: Niemand garantiert – auch die moderne Technik nicht –, daß dem Tod der Zutritt auf See ein für allemal und auf allen Breiten verwehrt ist. Soviel die Menschen erfinden zu ihrer und ihrer Schiffe Sicherheit – sie engen die Bahn des Todes nur ein. Kreuzt ein Schiff diese Bahn, sei es ein "schwimmender Palast" mit Radarausrüstung und tausendpferdigen Motoren oder eine Viermastbark wie die "Pamir", so ist es verloren, und es ist oft ganz müßig, nach der Schuld zu fragen. Der Tod heißt Nebel oder Eisberg oder Wirbelsturm oder hat gar einen speziellen Namen wie der Hurrican "Carrie", der die "Pamir" auf 35 Grad 57 Minuten Nord, 40 Grad 20 Minuten West, also 500 See-, meilen südwestlich der Azoren, erreichte – es ist derselbe Tod. Aber es ist wichtig, die Bahn des Todes immer mehr einzuengen, sei es durch neue Erfindungen und noch größeres Aufgebet technischer Hilfsmittel, sei es dadurch, daß die Besatzungen so gut wie möglich ausgebildet werden. Und es scheint, daß die besten Seefahrer der Welt an dem Satz festhalten, gerade die Schulung auf einem Segelschiff sei die beste Ausbildung. Aber da die "Pamir" ein solches Schulschiff war – mit unendlicher Liebe, großem Stolz und hohen Kosten gepflegt und neu in Dienst gestellt –, ist es von äußerster Tragik, daß es, ausgelaufen in Buenos Aires zur Heimkehrfahrt, auf der Strecke blieb und mit ihr viele Jungen, die erst lernten, Seeleute zu sein.

Nun scheint eines deutlich zu werden: Je ferner der Küste, desto eifriger die Mahner, man möge die Segelschiffe abschaffen; je ferner der Küste, desto eifriger die Diskussion. Nahe der Küste jedoch mahnen die Stimmen zum Schweigen und zum Gebet.

Sturm über der See. Bangen in den Stuben hinterm Deich. Draußen ein Schiff in Not. Drinnen gehen die Leute hin und her, starren ins Feuer, essen, trinken, gehen ihren Geschäften nach. Aber da ist kein Lachen, kein Lächeln mehr. Vielleicht, daß dies kein "Haus hinterm Deich" ist, sondern eine Großstadtwohnung in Lübeck, dem Heimathafen der "Pamir", oder in Hamburg oder in Bremen. Keine Glocke im Kirchturm läutet, kein Signalhorn schreit dumpf: Schiff in Not! Statt dessen wartet man auf die neuesten Zeitungsnachrichten, sitzt beim Radio- oder vor dem Fernsehgerät, aber dies alles ist diesmal nicht "Werkzeug der Zivilisation", nicht Zeitvertreib, nicht "Freizeitgestaltung", es ist die Kirchturmglocke, es ist das Signalhorn, dessen schauriger Ton nicht nur über wenige Meilen reicht, sondern um die halbe Welt, soweit sie von den Ozeanen umspült wird.

Und hier ist etwas lebendig, was fern der Küste vielleicht unbegreiflich ist: Der Mann im Büro, der dort seine Rechnungen, Bestellungen, Firmenbriefe schreibt, ist immer noch jener "alten" Welt verwoben, die plötzlich neu die Zivilisationskruste durchbricht: Denke ich daran, wie das Gesicht des Schiffsjungen in der Abschiedsstunde vor der Großen Fahrt plötzlich alterte, so weiß ich, warum bei den Menschen nahe der Küste ein Gefühl nicht abgestorben ist, das fern der Küste nur Grauen, ja vielleicht jene Empörung erregt, welche das Vorrecht der allein um Sicherheit besorgten Menschen ist. Es ist aber dieses Gefühl: Draußen Sturm, und die Tür geht lautlos auf, und der tote Seemann kommt im triefenden Ölrock und in seinen schweren Stiefeln und meldet, daß er geblieben ist, da draußen, wo der Sturm tobt...