An der Sprachverschluderung ist bald Willkür, bald Fahrlässigkeit beteiligt. Wie will man folgenden Fall deuten? In einer Zeitschrift findet sich unter dem Bilde einer bezaubernd lächelnden Dame als Erklärung ein einziges Wort: "Goethestotterin". Was ist das wohl?

Da die Person in einem danebenstehenden Artikel für diejenigen, die es noch nicht wissen sollten, als eine bekannte Schauspielerin ausgewiesen wird, könnte man auf die seltsamsten Gedanken kommen. Sie wird doch nicht eine abnorme Art von Rezitatorin sein, die Goethes Werke spricht und es, wer weiß, zu einem besonderen Effekt, zu einer "persönlichen Eigenart" gebracht hat – nämlich dabei zu stottern? Stottern sozusagen nicht als Natur-, sondern als Kunsterscheinung? Man stelle sich das doch richtig vor: "Über allen Gipfeln ist Ruh’" – gestottert. Das Gedicht sozusagen mit Stottern hinterlegt, ausgestattet mit einer akustischen Kulisse, um der Poeterei, die doch immer eine gewagte Abstraktion ist, wieder etwas Menschliches und Rührendes, um ihr mehr "Lebensfülle" zu geben?

Weit gefehlt. Nein, eine Goethestotterin ist auch nicht etwa eine Dame, die sich Goethes Werke kauft, aber nicht in bar, sondern "auf Stottern". Die in Frage stehende Person wird, es ist zur Verheimlichung kein Grund, als Liselotte Pulver vorgestellt. Mit dem Stottern hat es, wie wir aus dem daneben abgedruckten Artikel erfahren, folgende Bewandtnis. Während der Dreharbeiten zu dem Käutnerfilm "Zürcher Verlobung" ist Liselotte Pulver, offenbar während eines längeren Frage- und Antwortspiels, von einem Kollegen auch nach Goethes Geburtstag gefragt worden. Dabei, so versichert der Artikel, "... hatte Lilo nicht einmal Goethes Geburtstag ohne furchtbares Stottern gewußt."

Nun gut. Da Stottern hier als eine Form nicht des Sprechens, sondern des Wissens bezeichnet wird, kann man nur fragen: der Verfasser jener Bildunterschrift wird doch nicht ein furchtbarer Bildungs- und Geschmacksstotterer sein?

Geliebte deutsche Sprache, du gehst doch sehr seltsame Wege. Bald aus Willkür, bald aus Fahrlässigkeit. R. D.