R. St. Bonn

Eine Schlappe erleiden und sich außerdem noch lächerlich machen – das ist zu viel. Aber gerade diesen Zustand der Lächerlichkeit hat die FDP mit ihrem ratlosen Schwanken in der Woche nach der Bundestagswahl erreicht.

Die Erklärungen, die der Bundesvorsitzende Dr. Reinhold Maier nach der ersten gemeinsamen Sitzung des Bundesvorstandes und der neuen Bundestagsfraktion in Bonn abgab, waren so widerspruchsvoll, daß fast jeder Satz den vorhergegangenen aufhob. Schließlich blieb die "Erkenntnis", daß die FDP unter den augenblicklichen Umständen eine Koalition mit der CDU/CSU nicht wünscht, aber ein Koalitionsangebot Dr. Adenauers auch nicht brüsk ablehnen wolle. Wer macht aber schon einen Heiratsantrag, wenn er von vornherein weiß, daß das Mädchen nach einigem Parlieren doch nein sagen wird? Warum sollte sich auch gerade der Freier Konrad in eine solche Situation begeben? So begehrenswert ist das -Mädchen nach diesem Wahlausgang nicht mehr. Also bekam die FDP bald zu hören, daß sie auf ein Koalitionsangebot nicht zu warten brauche...

Die Freien Demokraten haben bekanntlich den Wahlkampf bis zuletzt mit der Parole geführt: "Wir koalieren mit keiner Partei, die allein die absolute Mehrheit hat." Von dieser grundsätzlichenThese kann sie sich vier Tage nach der Wahl nicht lossagen, wenn sie noch Wert darauf legt, glaubwürdig zu bleiben. Ja, man wird sich in Deutschland daran gewöhnen müssen, daß eine Partei auch in der Opposition eine wichtige Aufgabe erfüllen kann. Die FDP jedenfalls muß sich jetzt entscheiden, ob sie zum vermeintlichen Vorteil der eigenen Interessenten mit machen oder zum Vorteil eines höheren Interesses mitwachen soll. Sollte sie – zum zweiten Male in ihrer Geschichte – an dieser Entscheidung zerbrechen, dann könnte man sie nicht mehr als eine Partei von Individualisten betrachten, als die sie sich gern selbst bezeichnet, sondern nur noch als einen Klub palitischer Selbstmöder.