In den beiden Artikeln, die Professor Albert Hahn in der ZEIT (Nr. 37 und 38) veröffentlicht hat und in seiner Broschüre "Autonome Konjunkturpolitik und Wechselkursstabilität" finden sich neben manchen zutreffenden Urteilen auch Ansichten, die meines Erachtens entweder theoretisch nicht haltbar sind oder es an Sinn für die Wirklichkeit fehlen lassen.

Albert Hahn spricht von einer "tragischen Schuld" der Deutschen Zentralbank. Diese hätte entweder – was der Autor nicht will – in die internationale Inflationsmusik einstimmen müssen oder – was Hahn will – auf einen stabilen Wechselkurs der DM verzichten müssen, Wechselkursstabilität garantiere Unstabilität des inneren Geldwerts. Demgegenüber meine ich, daß aller Anlaß besteht, die Bank deutscher Länder und jetzt die Deutsche Bundesbank zu der Fortsetzung ihrer bisher durchaus erfolgreichen Politik zu ermutigen, die sich beides angelegen sein läßt: einen stabilen Geldwert im Innern, aber auch ein möglichst hohes Maß von Festigkeit in unseren finanziellen Beziehungen zum Ausland.

Was bedeuten denn praktisch flexible Wechselkurse, die Hahn einführen will? Solange es, wie gegenwärtig, einer Reihe wichtiger Handelspartner an finanzieller Stabilität fehlt, brächten sie ein Höchstmaß an Unsicherheit für die Kalkulationsgrundlage des Außenhandels und für den internationalen Kapitalverkehr. Die internationale Spekulation erhielte immer erneut Gelegenheit, Verwirrung zu stiften. Es hieße überdies – was Hahn nicht wahrhaben will –, daß die Währungen von Gläubigern de facto aufgewertet und diejenigen von Schuldnerländern de facto abgewertet würden, und zwar womöglich in einem sich überschlagenden Tempo.

Stabile Kaufkraft der Währung im Inland ist in der Tat außerordentlich wichtig. Aber es ist weder erwünscht noch erforderlich, ihretwegen die Sorge um die Erhaltung eines guten Fundaments in den finanziellen Beziehungen nach außen hin zu vernachlässigen.

Unhaltbar scheint mir auch die Analyse des westdeutschen Kapitalmarktes durch den Verfasser. Es bestehe, meint Albert Hahn, keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß sich der westdeutsche Kapitalmarkt "im Zustand völliger Zerrüttung befindet". Zum ganz überwiegenden Teil habe das seinen Grund in dem Verzicht auf flexible Wechselkurse. – Zunächst frage ich mich, ob das vernichtende Urteil über den Kapitalmarkt gerechfertigt ist. Immerhin wurden seit 1955 fast 4 1/2 Mrd. DM Aktien neu begeben und über 1 1/2 Mrd. DM Industrieobligationen abgesetzt. Wenn der Markt sich trotzdem nicht in der zu wünschenden Verfassung befindet, so in der Hauptsache aus drei Gründen: dem außerordentlich hohen Kapitalbedarf (sozialer Wohnungsbau), den Fehlern des Kapitalmarktförderungsgesetzes und einer die Kapitalbildung nicht hinreichend achtenden Steuerpolitik. Die Verwirrung, welche flexible Wechselkurse angerichtet haben würden, wäre dem Kapitalmarkt ganz sicher nicht zugute gekommen.

Hahn meint, es sei falsch, eine Veränderung des DM-Kurses von "Konzessionen" der schwachen Länder abhängig zu machen. Leider vernachlässigt er aber völlig, daß nichts wichtiger ist im Falle eines gestörten Gleichgewichts der Zahlungsbilanzen, als daß Länder mit einer erschütterten finanziellen Stabilität wieder zu einer gesunden Ordnung zurückfinden. Ohne dies hätten Änderungen von Wechselkursen nicht nur keinen Wert; im Gegenteil: sie würden zur Fortsetzung einer die Stabilität immer erneut gefährdenden Politik ermutigen. Wenn es aber erst einmal den Schuldnerländern gelungen ist, zu einer gesunden finanziellen Ordnung zurückzufinden, dann dürfte sich zeigen, daß es womöglich weder den Interessen von Gläubigerländern noch denen der Schuldnerländer entspricht, wenn erstere ihre Wechselkurse "berichtigen": dann würde nämlich vielleicht gar nichts mehr zu berichtigen sein.

Hahn hat auch nicht geprüft, ob die Bundesrepublik alles an sich Mögliche getan hat, um die Überschüsse ihrer Zahlungsbilanz auf ein für alle erträgliches Maß herabzudrücken. Ein Nachdenken über diesen Punkt führt zu dem Ergebnis, daß mancherlei zusätzlich hätte geschehen können oder noch getan werden müßte.