London, im September

Die Umbildung des britischen Kabinetts ist von Ministerpräsident Macmillan schon seit langem angekündigt und doch immer wieder hinausgezögert worden. Als sie nun endlich Wirklichkeit wurde, brachte sie eine Enttäuschung. Der Gesundheitsminister, der krank war, und dessen Name sich nur wenigen richtig eingeprägt hatte, wurde durch einen kaum bekannteren Mann ersetzt. Der britische Sonderbeauftragte für den Gemeinsamen Europäischen Markt, Reginald Maudling, in dem viele einen künftigen Ministerpräsidenten sehen, erhielt eine Gehaltserhöhung und einen Kabinettssitz. Außerdem wurden noch einige weitere unbedeutende Änderungen in der Ministerliste vorgenomnen. Mehr geschah nicht,

Nur ein Wechsel erregte Interesse: Die Ablösung Lord Hailshams im Erziehungsministerium und seine Versetzung auf eine mit Kabinettsrang verkündend Sinekure. Das soll – wie man hört – dem Lord Zeit geben, im Lande herumzureisen, um der Wählerschaft den Puls zu fühlen. Offenbar hat Macmillan das Empfinden, daß die Regierung ein wenig die Tuchfühlung mit ihren Anhängern verloren hat. Das Ansehen des Kabinetts war in der Tat schon vor der aufsehenerregenden Erhöhung des Diskontsatzes nicht sonderlich hoch. Jetzt ist es vollends auf den tiefsten Stand seit dem Regierungsantritt der Konservativen gesunken.

Lord Hailsham ist ein überschäumender, polternder Rechtsanwalt, ein etwas plumper, dabei ungeheuer fröhlicher Bursche, der über jedes Thema zu reden weiß. Er neigt dazu, sich mit unbekümmerter Nachlässigkeit zu rasieren, und nur ganz selten sitzt sein Schlipsknoten vorschriftsmäßig. Im übrigen ist Lord Hailsham ein Mann von starken, althergebrachten Tory-Prinzipien. Schon als Student zeichnete er sich durch seine brillanten Geistesgaben aus. Heute ist er einer der wenigen führenden Konservativen, die noch glauben, daß es so etwas wie eine konservative Philosophie gebe. Außerdem ist er der Verfasser einiger der schlechtesten Gedichte, die nach dem Kriege in England veröffentlicht worden sind. Er hat nämlich eine ausgesprochene Vorliebe dafür, bei allen möglichen Konferenzen Reime zu schmieden, und diese dann einer Wochenzeitschrift einzusenden.

Das große Rätsel der Kabinettsumbildung ist indessen das Verbleiben von Außenminister Selwyn Lloyd in seinem Amt. Daß er ins Oberhaus "befördert" würde (wo er dann endlich aus dem Wege gewesen wäre), galt schon beinahe als sicher. Wie könnte er im Amt bleiben, so hatten sich viele gefragt, da doch seine ursprüngliche Suez-Politik von Macmillan völlig in ihr Gegenteil verkehrt worden ist?

Nichtsdestoweniger bleibt Selwyn Lloyd an der Spitze des Außenministeriums. Dafür gibt es einen doppelten Grund. Einmal scheint Macmillan zu befürchten, daß der rechte Flügel der Konservativen ihn beschuldigen werde, er rücke allzu deutlich von Englands glorreichem Auftreten gegen Ägypten ab, wenn er Lloyd fallenlasse. Der Ministerpräsident glaubt anscheinend noch immer, ein Alibi für sein "Umfallen" in der Suez-Politik nötig zu haben. Zum anderen aber ist der Außenminister trotz seinergeringen Popularität nicht so hoffnungslos unfähig, wie es die Karikaturisten und die geistreichen Spötter wahrhaben vollen. Immerhin war er ein erstklassiger Rechtsanwalt, und niemand kennt sich in dem komplexen Abrüstungsproblem besser aus als er. Auch ist sein Arbeitseifer keineswegs erlahmt. Wenn er voller Tatendrang in Foreign Office stürmt, nach den Referenten verlangt und sie gehörig in Trab bringt, können seine Untergebenen in ihm kaum den "erledigten" Versager wiedererkennen, über den sie eben in den Morgenblättern gelesen haben.

Aus noch einem weiteren Grunde hat Macmillan wohl von einer Ablösung Lloyds absehen müssen: Es gibt einfach nicht sehr viele brillante Konservative, die sich um ein Regierungsamt reißen. Lieber aber den prosaischen Selwyn Lloyd, mag sich Macmillan gesagt haben, als einen aufgeblasenen politischen Ehrgeizling, der im Foreign Office nur Wind machen will. Sollten die Dinge in Whitehall nun schlecht laufen, so wird jedermann dem armen Lloyd die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Laufen sie aber gut, so wird Macmillan selbst die Lorbeeren ernten.

Michael Davie