Die stete Zunahme der Weltbevölkerung, die Aufwärtsentwicklung des Lebensstandards, das Anwachsen der Verbrauchsmengen und der Produktionsvolumen, die ungewöhnliche Beschleunigung des Verkehrs und die Überwindung der Entfernungen ändert die Maßstäbe, in denen Politiker und Wirtschaftler denken müßten. Mit der Ratifizierung der Europa-Verträge wird auf diesem Kontinent zum 1. Januar 1958 der Gemeinsame Markt beginnen. Schon ist die Montanunion zu klein geworden. René Mayer ist zurückgetreten, "um der europäischen Entwicklung nicht im Wege zu stehen"; Vizepräsident Franz Etzel wird sich vermutlich auch aus jener Hohen Behörde zurückziehen und andere Aufgaben übernehmen, die ihn größer, wichtiger und weiträumiger dünken. Mit dieser Entwicklung müßte auch das Denken der Öffentlichkeit mitgehen.

Darauf hat jetzt, auf einer Vortragsveranstaltung der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin, der Vorsitzer des Vorstandes der August Thyssen-Hütte AG und Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, Hans-Günther Sohl, hingewiesen. Dabei stützte er sich auf die speziellen Daten seines industriellen Bereichs, des Stahls, also eines Grundstoffs, der untrennbar mit den politischen und wirtschaftlichen Erstjahren der europäischen Entwicklung verbunden ist.

Sohl verwies darauf, daß die Welt-Stahlproduktion 1960 etwa 390 Mill. t, die der Montanunion bis 1970 etwa 100 Mill. t erreichen werde. Die Ausweitung der Kapazitäten bedinge, daß die Stahlindustrie Förderung und Transport der Rohstoffe und deren Erschließung immer stärker selbst in die Hand nehme, so daß ein Strukturwandel zu einer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung über die Kontinente hinweg vor sich gehe. So habe in verblüffend kurzer Zeit die US-Stahlindustrie größte Eisenerzdistrikte in Labrador und Venezuela erschlossen und gehe daran, die schwedische Spitzenstellung zu überrunden. Für die deutsche und europäische Eisenindustrie ergäben sich vielfach Standortverschiebungen zur Küste, um die Überseerohstoffe günstiger eindecken zu können. Bis 1960 würden von dem zu erwartenden Rohstahlzuwachs Westeuropas etwa 25 v. H. an Küsten liegen.

Überseeische Erschließungen und Standortverlagerungen veranlassen die europäischen Stahlwerke, solche Aufgaben in Gemeinschaft durchzuführen. So sind jetzt deutsche, französische, italienische und englische Hüttenkonzerne dabei, gemeinschaftlich in Zentralafrika und in Mauretanien Eisenerzvorkommen zu erschließen. Weitere ähnliche Gemeinschaftsaufgaben werden folgen, meinte Sohl. Solche Gemeinschaftslösungen befürworten aber zugleich neue Zusammenschlüsse innerhalb der Stahlindustrie, um die Erzeugungsprogramme zu koordinieren, Doppel-Investitionen zu sparen und die Kosten zu senken. Sohl erklärte: "Diese Zusammenschlüsse sollten deshalb nicht beargwöhnt oder behindert, sondern gefördert werden."

Selbstverständlich meinte Sohl nicht etwa Konzentrationen, um übermäßige Marktanteile zusammenzuraffen. Aber es erscheint notwendig, sich darüber klarzuwerden, daß Marktanteile z.B. bei den Montan-Union-Produkten Eisen, Stahl, Erz und Kohle nicht mehr mit nationalen, sondern mit europäischen Maßstäben zu messen sind. Wenn schon auf der einen Seite der Gemeinschaft der europäischen Stahlwerke Produktionszahlen von 100 Mill. t als Planungen vorschweben, dann ist es auch notwendig, sich für die Unternehmensgrößen mit den amerikanischen Verhältnissen vertraut zu machen. Eine Tonnenmillion hat eben schon 1958 oder gar 1965 nicht mehr das gleiche Gewicht wie 1948-50, in der Ära der Demontagen und Produktionslimits. Es kann – psychologisch und politisch – durch enge internationale Zusammenarbeit zusätzlich gemildert werden. Der Stahl wird-also mit zunehmender weltwirtschaftlicher Verflechtung erneut Schrittmacher in die produktionellen und ökonomischen Größenordnungen der nahen Zukunft sein und sein müssen. rlt.