Wir wissen es wohl: Die Mitglieder seines Kabinetts bestimmt der Bundeskanzler. Nach seinem Urnengang versinkt auch der Wähler wieder in die Anonymität des "Volkes". Aber auch das Volk kann hinsichtlich der Zusammensetzung des Kabinetts Wünsche haben. Wenn die Ministerliste erst einmal feststeht, ist es oft zu’spät, solche Wünsche zu äußern; denn kein Regierungschef trennt sich gern von einem einmal ernannten Minister.

Wenn sich nun die Gerüchte aus Bonn bewahrheiten sollten, daß Schäffer nicht wieder Finanzminister wird – wer käme als Nachfolger in Frage, und zu wessen Wahl könnte man dem Kanzler mit gutem Gewissen gratulieren? Uns scheint: Von all denen, deren Namen in den Korridoren des Bundeshauses am häufigsten genannt werden, wäre der bisherige Vizepräsident der Montan-Union, Etzel, der geeigneteste Kandidat, Besonders, seit es den Anschein hat, als habe man in Bonn den von Anfang an nicht sehr sinnvollen Plan eines Europa-Ministeriums (dessen Chef zu werden Etzel sonst die besten Aussichten gehabt hätte) fallengelassen. Als Finanzminister kann Etzel auch europäische Wirtschaftspolitik machen. Als Europa-Minister dagegen wäre er entweder ein europäisches Aushängeschild oder gezwungen, seinen Kollegen, den Bundesministern für Finanzen, Wirtschaft und Auswärtiges, ständig ins Handwerk zu pfuschen. Denn welche "europäische Politik" fällt nicht gleichzeitig auch in eins der drei genannten Fachgebiete?

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Verkehrsministerium. Daß der deutsche Verkehr eine "Wachablösung", auf diesem Posten wünscht und erhofft, ist auch in Bonn kein Geheimnis. Auch soll der derzeitige Inhaber dieses Postens, Dr. Seebohm, so wird behauptet, nichts dagegen haben, zur Montan-Union hinüberzuwechseln. Und gibt dies nicht Gelegenheit, bei einer Neubesetzung des Verkehrsministeriums weit mehr als bisher daran zu denken,daß die Verkehrsprobleme aller europäischen Länder immer dringlicher nach einer europäischen Lösung, einer "Integration", verlangen? Wenn schon kein "Europäisches Verkehrsministerium" – soweit sind wir leider noch nicht – dann ein Europäer (der’natürlich auch ein erstklassiger Fachmann sein muß) als Bundesverkehrsminister. Warum muß es denn unbedingt ein Deutscher sein? Warum nicht einen kühnen und praktischen Schritt nach Europa tun und einen Ausländer zum deutschen Verkehrsminister bestellen?

Parteien, die sich mit dem Gedanken einer "nationalen" Opposition tragen, werden natürlich protestieren. Jedoch hat einmal der Franzose Prinz Eugen von Savoyen als Präsident des Wiener Hofkriegsrates das Deutsche Reich gegen die Türken verteidigt. B.