hst, Koblenz

Die linke Moseltal-Straße von Koblenz nach Winningen ist breit. Die Weinberge drängen sich noch nicht ans Wasser, und die Uferwiesen lassen viel Platz. Der Autofahrer läßt den Tacho unbesorgt bis "100" klettern. Die Kurven sind leicht überhöht. Der Autosuper spielt, und das Leben macht Spaß.

An der Eisenbahnbrücke von Güls stehen viele Menschen und winken. Ich halte an. Vier Männer sind zugleich am Schlag. Vier Männer reden zugleich, und es dauert eine Weile, bis ich verstanden habe: "... schnell ins Hospital bringen ... der sieht ganz furchtbar aus... nein – der muß auf eine Bahre... kommt auf Minuten an ... lieber warten, was der Arzt sagt ... vielleicht innere Verletzungen..."

Auf der anderen Seite des Brückenpfeilers steht ein schwarzer Wagen älterer Bauart. Sein Vorderteil ist total demoliert. Daneben Glassplitter und viel Blut und ein Mann, dem kein Hospital mehr nützt. Sonst nichts. Keine Bremsspur, keine Schleuderspur. Gar nichts.

Der Dorfarzt kommt gerannt und bückt sich erst gar nicht und hebt hilflos die Hände. Er nimmt eine Straßenkarte, Blatt West, vom hinteren Sitz des Mercedes, faltet sie ein wenig umständlich auseinander und legt sie über das Gesicht des Toten. Zwischen Main und Lahn breitet sich langsam ein roter Fleck aus.

Der Rottenarbeiter von der Brücke erzählt zum elftenmal: "Nein – gesehen haben wir nichts. Wir waren bei der Arbeit und dann gab es einen lauten Knall. Da haben wir hinuntergeschaut und sahen eine Staubwolke. Als die weg war, da sahen wir alles. Da sind wir hintergelaufen. Ich glaube, er war schon tot..." Mit Sirenengeheul kommt ein Polizeiwagen angerast.

"Stehen Sie nicht auf der Fahrbahn herum", schimpft der Kommissar. "Hören Sie nicht?" Die Leute gehen einen halben Schritt zurück. Der Kommissar hebt die Straßenkarte, Blatt West, ein wenig hoch und legt sie wieder hin. Im Gebiet der Hocheifel entsteht noch ein roter Fleck.