Erzählungen aus der Schreibtischschublade, aber nicht wie üblich aus der des Autors, sondern des Verlegers, sind eine Überraschung, und in diesem Fall eine besonders erfreuliche:

Peter Suhrkamp: "Munderloh." Fünf Erzählungen. Band 37 der Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt/M. 182 S., 4,80 DM.

Die Titelgeschichte ist ein Romanfragment, begonnen im Gestapogefängnis Lehrter Straße in Berlin, und wird, sagt der Autor, nicht mehr zu Ende geschrieben. Eine bescheidene Feststellung, die Bedauern weckt angesichts der sprachlichen Zucht, der stillen und zugleich dramatischen Schönheit, die dieses Bruchstück mit den anderen kleinen Erzählungen teilt.

Eine behutsame Hand waltet in diesem Verlag, und ihr verdanken wir auch die Bekanntschaft mit einem kleinen Meisterwerk aus Jugoslawien:

Ivo Andric: "Der verdammte Hof." Erzählung. Band 38 der Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt/M. 174 S., 4,80 DM.

Das ist kein Blut-und-Boden-Roman eines stolzen Bauernhofs, sondern die Schilderung eines Erlebnisses in einem Gefängnishof. Das Gefängnis liegt in Istanbul – lag dort, als es noch die Habsburger Monarchie und Bosnien und die "Goldene Pforte" gab.

Durch einen Justizirrtum gerät ein bosnischer Geistlicher in eine merkwürdige Gesellschaft von politischen Verbrechern, Betrügern, Taschendieben und Mördern. In der Rahmenhandlung wird aus Wahrheit Unwirklichkeit, aus Gefängnispsychose und Irrsinn Wahrheit: Der Gefängnisdirektor, in seiner Jugend ein Strolch, wird zum Musterhäftling, dann zum sadistischen Herrn über Leben und Tod. Menschen, die jeden Begriff von Raum und Zeit verloren haben, laufen nur noch wie lebende Gerüchte umher. Ein Schriftsteller, unschuldig-schuldig auch er, durchlebt das Schicksal eines Thronprätendenten, der vom Sultan an die Kreuzritter und vom Papst wieder an den Sultan als Sklave verkauft wird.