S. L., Berlin

Um eine "demokratische Entscheidung" der Berliner SPD über das vakante Bürgermeisteramt herbeizuführen, hat jetzt Kreuzbergs Bezirksbürgermeister Willy Kressmann seine Kandidatur erklärt, einen Tag, nachdem der Landesausschuß Willy Brandt nominiert hatte. Was versteht Kressmann wohl unter einer "demokratischen Entscheidung", wenn nicht die Abstimmung eines Gremiums, das mit 25 gegen 13 Stimmen für einen Kandidaten entscheidet? Eben diesen Vorentscheid jedoch hält Kressmann für undemokratisch; er sei nicht gewillt, erklärte er, sich durch ein Führungsgremium "die Demokratie nehmen zu lassen". Wäre die Kandidatur von Adolf Arndt nicht vom Landesausschuß "abgewürgt" worden, so hätte er – wie er sagt – auf eine Kandidatur verzichtet. So aber halte er es für seine Pflicht, den Landesparteitag zwischen zwei Männern entscheiden zu lassen. Er wisse sich dabei in Übereinstimmung mit großen Teilen der Berliner Sozialdemokratie; zwei von insgesamt 20 Groß-Berliner SPD-Kreisen habe er dabei fest hinter sich. Soweit Kressmann.

Kressmanns Alleingang ist als Unterstützung für den Neumann-Flügel gedacht, der bei der Abstimmung des Landesausschusses eine Niederlage erlitt. Zwar gehört Kressmann selbst nicht zur Neumann-Gruppe, wie er überhaupt kein Gruppenmann, sondern ein bewährter Einzelgänger ist, der seit Jahren mit teils populären, teils unliebsamen Überraschungen aufwartet (so, als er vor zwei Jahren Ostberliner Bezirksbürgermeister auf eigene Faust zu technischen Gesprächen über die Normalisierung des Grenzverkehrs einlud). Dieser jüngste Streich dürfte ihm eher schaden als nützen; seine Chancen, Berliner Bürgermeister zu werden, sind nicht groß, und im Ernst wird er wohl selbst kaum darauf rechnen. Er sei bereit, beteuert er, in Ehren zu verlieren, es komme ihm lediglich auf das demokratische Moment an.

Neumann wird diese unerwartete Unterstützung gut gebrauchen können; durch seine eigenmächtigen Versuche, im Bundesgebiet Kandidaten zu gewinnen, hat er bei seiner Partei viel Kredit verloren. Doch scheint er das Rennen gegen Brandt noch nicht aufgegeben zu haben. Es sei durchaus möglich, erklärte er, daß der Landesparteitag, der zur Nominierung des Bürgermeister-Kandidaten am Monatsende zusammentritt, anders als der Landesausschuß entscheiden werde.