Im Londoner "Punch" war kürzlich auf einer Karikatur zu sehen, wie ein gewaltiger Greifbagger, der die Firmenbezeichnung "Deutsche Werke" trägt, sich tief in die Basis einer steilen Böschung hineingefressen hat, auf deren bereits etwas überhängender Oberkante – recht bedenklich dreinblickend – der britische worker steht: bezeichnenderweise mit leeren Händen, ohne Werkzeug, ohne jedes technische Hilfsmittel... Mittlerweile ist freilich deutlich geworden, daß die Position des britischen Pfundes, die jene Darstellung im "Punch" ja symbolisieren soll, nicht ganz so zur Hilflosigkeit verdammt ist, wie es da erscheint. Und zugleich haben die drastischen Maßnahmen – Diskonterhöhung bei gleichzeitiger Kreditrestriktion –, die in London gegen die Schwäche der Pfundwährung verfügt worden sind, den Tatbestand hinreichend deutlich gemacht, daß die britische Währungskrise keinesfalls durch die starke Position der D-Mark-Währung verschuldet ist, sondern durch ganz andere Ursachen: nämlich durch eine Inflations-Anfäiligkeit, gegen die jetzt das britische Schatzamt eben mit einer massiven Deflationspolitik angeht...

Man muß sich nun vergegenwärtigen, daß die Diskonterhöhung um 2 auf 7 v.H. "in der Spitze" eine 40prozentige Verteuerung der Kreditkosten bedeutet: "schlagartig" einsetzend, von einem Tag zum anderen durchgeführt. Dazu kommt die Ankündigung einer drastischen Senkung bei den öffentlichen Ausgaben, namentlich bei dem Investitionsaufwand des Staates und der "nationalisierten" Unternehmungen. Und weiter ist für die Dauer eines Jahres, eineBegrenzung der Bankenkredite verfügt worden, derart, daß der in den letzten 12 Monaten erreichte Stand nicht überschritten werden darf. Also: Kreditverknappung durch Zinsverteuerung und mengenmäßige Kontingentierung des Kreditvolumens – sogar auf die Gefahr hin, daß die so hervorgerufene neue Welle der austerity die Vollbeschäftigung bedroht und Arbeitslosigkeit entstehen läßt ... Das alles und schwere Kursverluste bei Anleihen und Aktien will man in Kauf nehmen, in dem geradezu verzweifelten Bemühen, das Prestige der Sterling-Währung zu verteidigen, also eine Pfund-Abwertung zu vermeiden. Regierungspartei und Opposition sind sich hierbei einig – im Prinzip. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob die beiden Gruppen des Parlaments wirklich bereit sind, die Opfer auf sich zu nehmen, die ein Durchführen jenes Prinzips erforderlich machen wird.

Für uns, die wir die Dinge aus einiger Distanz und "vom sichern Port" her beurteilen können, erscheint es zweifelhaft, ob dieser Aufwand an Mühen und materiellen Opfern zur Verteidigung der bisherigen Pfund-Parität überhaupt noch lohnt. Wir können wohl meinen, es sei die sehr viel einfachere, billigere und damit bessere Lösung, die strukturelle Schwäche der Sterling-Währung, wie sie sich in Nachwirkung des Krieges und der Kriegsfinanzierung ergeben hat – man vergleiche den Artikel "Das wahre Gesicht der Pfund-Krise" in Nr. 39 der ZEIT! – als für accompli anzuerkennen und daraus die Konsequenz zu ziehen: also die Abwertung vorzunehmen. Da nun einmal der Karren so weit zurückgerollt ist, erscheint es ein fast hoffnungsloses, jedenfalls aber ein allzu kostspieliges Beginnen, durch gewaltsame deflatorische Maßnahmen das verlorene Terrain wieder zurückgewinnen zu wollen. Gerade dann, wenn man – wie es ja wohl richtig ist – die Abwertung einer Währung nicht als ein "dynamisches Moment" oder als bloßes Hilfsmittel zur Erreichung währungspolitischer Effekte und Zwischenspiele ansieht, sondern als den Abschluß eines nicht mehr revisiblen Prozesses, als die Bestätigung eines zur Ruhe gekommenen Vorgangs und als die Gewinnung einer neuen und verteidigenswerten Basis: gerade dann wird man sich mit einer derartigen Entscheidung wohl abfinden können, ohne den mit ihr verbundenen Prestigeverlust übermäßig schwer zu veranschlagen.

Nun: London hat anders entschieden, und wir müssen zunächst abwarten, wie das mit dem Deflationsexperiment eingeleitete dramatische Ringen um die britische Währung abläuft. Wir können es auch abwarten: denn solange noch nicht entschieden ist, ob die Maßnahmen des Schatzkanzleramtes zum Erfolg führen oder ob London über kurz oder lang resignieren und somit in eine Pfund-Abwertung einwilligen muß, solange wird auch niemand von der Bundesrepublik eine Aktion im Sinne einer D-Mark-Aufwertung fordern. Seitdem London zur Tat geschritten ist, hat es sich unter das Gesetz des Handelns gestellt; die Dinge sind nun in Fluß, und es gibt keinen Stillstand und kein Zurück mehr, bis über die Sterling-Währung so oder so entschieden ist. Was von deutscher Seite her in dieser Situation allenfalls getan werden könnte, ist bereits geschehen, und zwar durch die von unserm Zentralbankrat beschlossene Diskontsenkung. Sie war banktechnisch sinnvoll, in diesem Moment, weil sie die Bankrate an die Zinssätze des freien Geldmarktes, heranführte, und sie war konjunkturpolitisch zum mindesten unbedenklich, weil sie die Investitionstätigkeit ermutigt, also die inländischen Absatzchancen in einem Moment verbessert, in dem möglicherweise – in Konsequenz der britischen Deflationspolitik – manche Auslandsaufträge entfallen, die uns sonst zugedacht gewesen wären. Darüber hinaus wird der verbilligte deutsche Zins manche ausländischen Kunden veranlassen, aus der kurzfristigen Anlage seiner flüssigen Mittel in D-Mark "herauszugehen". Das Zinsgefälle von der D-Mark zum britischen Pfund ist jedenfalls nun sehr viel steiler geworden – was vielleicht dazu führen wird, daß flottantes Geld stärker zur Anlage nach London geht und daß (umgekehrt) die ausländischen Kreditnehmer ihre in Pfund-Währung aufgenommene Verschuldung abbauen. Das war ja bisher die Situation: daß die Geschäftsleute der ganzen Welt, auch die englischen Kaufleute, ihre Pfund-Guthaben möglichst niedrig gehalten und sich möglichst stark "in Pfunden" verschuldet haben, um von der befürchteten (oder als unvermeidlich angesehenen .. .) Pfund-Abwertung einerseits (als Anleger) nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden, andererseits aber (als Schuldner) tunlichst zu profitieren.

Diese Vorgänge scheint London nicht ganz richtig bewertet zu haben, weil es nämlich die Kreditnahme ausländischer Geschäftsleute am Londoner Platz als eine Art Vertrauenskundgebung für die Stärke der englischen Position im Welthandel betrachtet hat – während umgekehrt die Neigung der internationalen Geschäftswelt, ihre auf Pfund lautenden Guthaben möglichst niedrig zu halten, als "Spekulation gegen das Pfund" angesehen (und diffamiert) worden ist. Aber wenn die Geschäftsleute der ganzen Welt es vorziehen, ihre flüssigen Mittel da festzulegen, wo sie möglicherweise durch eine Aufwertung in diesen Ländern, sicherlich aber (relativ!) durch die Abwertung anderer Länderwährungen profitieren: dann sollte man dieses vorsichtige kaufmännische Verhalten nicht mit dem bösen Wort "Spekulation" schelten. E. T.