Von Ruth Herrmann

Ein "Gesetz zur Änderung des Gesetzes zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit" tritt am 1. Oktober in Kraft. Wesentliche Änderungen sind: 1. Kinder unter sechs Jahren dürfen künftig öffentliche Filmveranstaltungen nicht mehr besuchen– was ihnen bisher erlaubt war, wenn ein Erziehungsberechtigter sie begleitete und die Vorstellung spätestens um zwanzig Uhr zu Ende war. 2. Die Altersgrenze nach oben ist von sechzehn auf achtzehn Jahre hinaufgerückt worden. Es gibt künftig für Filmbesucher also die Altersgruppen: sechs bis zwölf, zwölf bis sechzehn und sechzehn bis achtzehn Jahre. Wir nehmen die Änderungen im Jugendschutzgesetz zum Anlaß einer Betrachtung darüber, welcher Art Filme und Lektüre sind, vor denen heute die Jugend geschützt werden sollte.

Erziehung ist Beispiel und Liebe" heißt eine der wenigen alle Zeit gültigen pädagogischen Formeln. Gute Beispiele wirken auf Kinder und schlechte wirken oft noch stärker. Schlechte Beispiele sollten Kinder also nicht erleben, weder in der Realität noch in Filmen oder Büchern und Bildern.

Die Kinder vor schlechten Einflüssen zu schützen, sind außer den wirklichen Pädagogen immer sehr viel mehr Leute tätig gewesen. Wie Hilfsbremser wollen sie den Zug der Kinder zu reizvollen, aber gefährlichen Dingen aufhalten. Das Bremsen halten sie für das Wichtigste in der Erziehung.

Diese Leute nun scheinen immer noch vor denselben Dingen zu bremsen und nahezu nur vor diesen: den Gefahren auf erotischem Gebiet. Alles, was dazu gehört, wird ängstlich verrammelt hinter einem hohen Bretterzaun mit der Aufschrift "VERBOTEN".

Besser wäre, "Umleitung" darauf zu schreiben; und diese Umleitung sollte zu so herrlichen Freuden führen, wie sie die unbekömmlichen Süßigkeiten niemals geben könnten. Solche Verbote-Pädagogen ahnen nicht, wie herzerfrischend komisch für Kinder Szenen sein können, die durchaus in einem weiteren Sinne zum "Erotischen" gehören, die aber Kindern gemäß sind und darum nicht schaden. Welchen Heiterkeitserfolg hat immer wieder die Szene in einem der Kinderbücher Erich Kästners, wo das verliebte Dienstmädchen in der ‚Küche "Egon, o Egon" singt? Aber Dienstmädchen und Egon liegen auch hinter der Planke, von den ängstlichen Sittenwächtern hinübergeworfen.

Was liegt denn da überhaupt alles in der Tabu-Zone hinter dem Bretterzaun? Sehen wir es uns an. Die Bremser zu fragen, was sie dort liegen haben, hat keinen Zweck. Sie können einem nur antworten, dort liege das "Unaussprechliche", das (ihnen selbst meistens Unbekannte) mit dem großen Tabuzeichen. Sie wollen die Kinder vor etwas beschützen, was sie selber dank der Ängstlichkeit eines Bremsers der vorigen Generation so verdrängt haben, daß sie es niemals richtig sehen konnten.