Von Gottfried Sello

Buffet vor den Toren" und "Wende in der modernen Kunst?" lauteten die Schlagzeilen, die Anfang des Jahres die erste deutsche Buffet-Ausstellung ankündigten. Dr. Ludwig Grote, Direktor der Fränkischen Galerie Nürnberg, hatte die Kollektion – annähernd 100 Ölbilder, Zeichnungen, Lithographien und Radierungen aus den Jahren 1945 bis 1956 – nach Deutschland gebracht. Von Nürnberg ging sie nach Düsseldorf, München, Mannheim und endete jetzt im September in Braunschweig. War sie ein Erfolg?

Es kamen mehr Besucher als gewöhnlich, wenn auch nicht so viele wie bei Picasso oder Klee. Das Publikum kennt den Namen Buffet ("dieses Buffet ist ein Geldschrank") und die sensationelle Karriere des Malers, der halbverhungert in einer Pariser Dachkammer hauste und mit einem Schlag berühmt wurde. Es kennt die extravaganten Gewohnheiten des Arrivierten, der ein Schloß bewohnt und sich im Rolls-Royce durch die Gegend fahren sich (wobei die Geschwindigkeit von 30 km nicht überschritten werden darf). Die weltweite Publicity des neunundzwanzigjährigen Malers hat sicher auch zum Verkaufserfolg seiner Bilder beigetragen. In Paris war seine vorjährige Kollektivausstellung nach einer Woche ausverkauft: für runde 475 000 Mark.

Dieser Erfolg ist in Deutschland ausgeblieben. Es war zwar nur ein kleiner Teil der ausgestellten Arbeiten käuflich. Die Preise lagen dabei für mittelgroße Bilder bei 8000 Mark, für graphische Blätter zwischen 100 und 200 Mark. Aber in Braunschweig, der letzten Station ihrer Reise durch Deutschland, waren die meisten der käuflichen Arbeiten noch immer unverkauft.

"Buffet vor den Toren": die Eroberung Deutschlands ist ihm – oder seinen Managern – nicht gelungen. Vielleicht war der Zeitpunkt des Angriffs nicht günstig. Vielleicht ist die Stunde, da Buffets Bilder dem Betrachter "an die Haut" gingen, schon vorüber. In Deutschland schätzt man heute mehr die heiteren Bilder, die unsere Wohnungen, unseren Lebensraum festlich dekorieren. Aber vor den Bildern Buffets kriegt man das heulende Elend. Sie sind das Äußerste an Trostlosigkeit, was sich denken oder malen läßt. Sie wollen den schönen Schein der Welt entlarven und ihre Nichtigkeit demonstrieren, wie das etwa spätmittelalterliche Maler in ihren Bildern vom Totentanz oder in den Darstellungen vom Jüngsten Gericht getan haben. Aber Buffet erreicht diesen Effekt, ohne dafür Tod und Teufel zu bemühen.

Ein Stilleben mit Gemüse, mit einem abgezogenen Kaninchen, ein Küchentisch, ein Stuhl genügen vollkommen, um Grauen, Angst, Lebensekel darzustellen. Seine Methode, alle diese einfachen und harmlosen Dinge grauenvoll zu machen, erscheint, wenn man sie erst einmal gefunden hat, denkbar simpel: sie werden in die Länge gezogen, die Stuhlbeine, die Flaschen, Gläser, Schalen, Besen, Kannen, Pinsel, Gabeln, Messer. Diese Prozedur des Streckens, Ausrenkens macht sie zu traurigem Gerümpel, das zwecklos herumsteht, armseliges Inventar von Räumen, in denen zu leben eine Qual bedeutet. Diese dürre, ausgemergelte Dingwelt wird Grauin-Grau gemalt, in der traditionellen Elendsfarbe, mit vielen traurigen Nuancen bis hinunter zum Schwarz. Aber die Pointe liegt in der absoluten Sachlichkeit, mit der das Elend registriert wird. Es fehlt alle soziale Anklage, die Aufforderung zum Mitleid – mit der "Armen Näherin" und all den halbverhungerten Geschöpfen, die diese Räume bewohnen – oder gar die Aufforderung, die Zustände zu ändern. Sondern Buffet nimmt das Elend als einen ganz natürlichen und angemessenen Zustand der Welt – der Welt von 1945, in der er siebzehnjährig zu malen begonnen hat.

Er ist der Repräsentant der vielberufenen "verlorenen Generation", der europäischen Nachkriegsjugend. Seine persönlichen Erfahrungen entsprechen dem, was zwischen 1945 und 1950 in der europäischen Luft lag. So ergibt sich das einigermaßen groteske Schauspiel, daß Buffet sich mit seiner Elendsmalerei aus dem Elendsmilieu herauszieht und aus der Mansarde in ein komfortables Schloß hinüberwechselt.