M., Lüneburg

Es darf nicht sein, daß der Name der Frau genannt wird, die vor einigen Jahren aus der Sowjetzone flüchtete und in einem Städtchen des Regierungsbezirks Lüneburg Unterkunft fand – es darf nicht sein, weil ihre Angehörigen noch "drüben", im roten Halb-Deutschland, leben und weil sie fürchtet, es könnte ihnen Schaden geschehen. Aber es muß sein, daß der Name des Beamten genannt wird, der ihr Gesuch um Unterstützung ablehnte: Regierungsrat Kloppmann, Lüneburg. Er hatte eine so abscheuliche Begründung für seine Ablehnung, daß wir für den Fall, es sollte seine Abberufung vom Amt gefordert werden, nichts dagegen einwenden könnten.

Als in der Bundesrepublik das Häftlings-Hilfegesetz beschlossen wurde – nämlich 1955 – lebte die geflüchtete Frau bereits seit einigen Jahren in Westdeutschland. Das letzte Erlebnis in der Sowjetzone war gewesen, daß sie in einem Kino Szenen der Defa-Wochenschau gesehen hatte: Ihr seit längerer Zeit verschwundener Mann stand vor einem russischen Militär-Tribunal. So erfuhr die Frau – im Kino! –, daß ihr Mann nach der Behauptung der "Richter" Spionage für die Amerikaner betrieben habe, worauf die Szene mit dem Todesurteil schloß. Die Frau flüchtete und gelangte in den Lüneburger Bezirk, dessen Flüchtlingsdezernent nunmehr zu befinden hatte, ob ihr nach dem Gesetz eine Rente zustünde.

Keine Rente! So entschied der Regierungsrat, denn die Verhaftung beziehungsweise Verurteilung ihres Mannes sei "nicht auf Grund eines politischen Vergehens erfolgt, sondern wegen illegaler Nachrichtentätigkeit für eine fremde Macht und somit ais strafrechtlichen Gründen, die auch in Rechtsstaaten mit hohen Strafen bedroht werden." Unterschrift: Kloppmann, Regierungsrat, Lüneburg.

Ja, seit wann liest Lüneburg in der Sowjetzone, auf daß ein Lüneburger Regierungsrat das "Urteil" eines Sowje:gerichts notgedrungen billigen müßte? Lüneburg liegt immer noch in Niedersachsen, und in D-Mark, nicht in Ost-Mark wird dem Beamten das Gehalt für eine behördliche Tätigkeit ausgezahlt, die in diesem Falle darin gipfelte, seinen (ablehnenden) Entscheid auf das "Urteil" eines Sowjet-Gerichts zu stützen. Und wie "fein" er zu unterscheiden weiß zwischen "politischem Vergehen" und "illegaler Nachrichtentätigkeit"! Nach alledem ist anzunehmen, daß er nicht einmal merkt, wie er im Bestreben, bundesdeutsches Geld zu sparen, sein Amt im Sinne der Sowjets verwaltet, denen es nur recht sein kann, daß der Frau eines Mannes, den sie auf ihrem Gebiet zu Tode gebracht haben, auch in unserem Lande nicht geholfen wird.

Es ist anzunehmen, daß Kloppermann sturen Sinnes, jedoch bona fide gehandelt hat – aber sicher ist dies nicht. Man wird nicht nur diese eine Entscheidung, sondern noch andere anzusehen und zu prüfen haben, die von seinem Schreibtisch kamen.