dan., Eisenach

Mit dem Auto ist es von der Zonengrenze bis zur Wartburg nur eine knappe Viertelstunde. Kaum zehn Kilometer von der unseligen Trennungslinie erhebt sich dieses Wahrzeichen der deutschen Geschichte. Jahre hindurch drohten nach dem Kriege zwar die politischen Pläne der Zonenmachthaber, die Burg ihres historischen Charakters zu entkleiden. Dann aber siegte die Vernunft. Pankow gab den Denkmalspflegern die Erlaubnis, die Wartburg zu renovieren.

Vor kurzem konnte die Wartburgstiftung nun das Ergebnis ihrer fünfjährigen Restaurierungsarbeiten resümieren, für die ihr rund 430 000 Ostmark zur Verfügung standen; Umfangreiche Sicherungsarbeiten sind in diesen fünf Jahren vorgenommen worden. Der Festsaal ist endlich nicht mehr einsturzgefährdet; unter die Elisabeth-Kemenate wurde eine Eisenbetondecke eingezogen; der von vielen Besuchern bestiegene Südturm wurde abgesichert. Darüber hinaus aber wurden die Gebäude auch von den stilwidrigen Anbauten aus dem 19. Jahrhundert befreit – von den falschen Zinnen, der Seitentreppe des Palas, den Fenstern im Erdgeschoß der Palasfront (die sich jetzt mit einem schönen Bogengang den Blicken darbietet).

Auch in den Innenräumen ist aller überflüssiger Zierat beseitigt worden. In der Burgkapelle, der Lutherstube, dem Margaretengang, dem Festgebäude und der Vogtei tritt überall die Vergangenheit wieder unverfälscht zutage. Das mittelalterliche Gadern (früher Marstall) soll überdies als weißgetünchtes Thüringer Bauernfachwerkhaus mit ungestrichenem Balkenwerk neu erstehen. In der ehemaligen Kommandantenwohnung im Torhaus der Burg wurde jetzt die Bibliothek eingerichtet, wo die wertvolle Büchersammlung über die Wartburg eine Heimstätte gefunden hat. Darunter befinden sich seltene Lutherdrucke aus dem 16. Jahrhundert.

Noch ist auf der Wartburg vieles zu tun. Vieles aber ist auch schon getan worden. Die rund 500 000 Besucher, die die Burg im Sommer 1957 besuchten, haben das dankbar anerkannt. Zu Fuß oder auf den Rücken der kleinen Esel kamen sie von Eisenach zur Burg herauf – in diesem Jahr rund ein Viertel auch aus der Bundesrepublik. So ist die geschichtsträchtige Wartburg zu einer unpolitischen Stätte der Begegnung zwischen Ost- und Westdeutschland geworden. Unpolitisch vor allem, seit sich die Burgführer in ihren Erklärungen auch wieder streng an die historische Wahrheit halten, ohne SED-Parolen in ihre Texte einfließen zu lassen.